Wohl wahr: Er war ein konservativer Geist ein Geist immerhin.

Zeitlebens in Traditionen verankert - der 1913 in einem schleswig-holsteinischen Pastorenhaus Geborene debütierte mit einer Arbeit über Rilke, der nun in seiner Münchner Elfenbein-Mansarde Verstorbene beendete kurz vor seinem Tod die Gottfried-Benn-Biographie -, hat Hans Egon Holthusen ein störrisches Literatenleben ausgeschritten: Widersacher allemal. Die eigene Lyrik stand unter dem Motto "Das dichterische Wort ist ähnlich wie das Bibelwort eine wirkende Kraft im inneren Haushalt der Welt" - genau gelesen ein Bekenntnis, nicht gar zu weit entfernt vom frühen Böll, Kriegsheimkehrer wie er.

Das Überraschende, bei neuerer Lektüre, ist: Der von uns, den Literaten der damals jüngeren Generation, etwas leichtfertig verachtete, abgetane Lyriker und Essayist war gar kein Antipode. Seinen (später revozierten) Bannspruch gegen Thomas Manns Faustus-Roman als "seinsvergessene Welt ohne Transzendenz" einmal beiseite gelassen - das Wort von der "szenischen Publizistik" der Peter Weiss oder Heinar Kipphardt klingt heutigen Ohren gar nicht so irrläufig, seine Philippika gegen einen "Sartre in Stammheim" kaum gnadenlos und sein Bogen von Benn zu Brecht kein bißchen überspannt: Den Spott über "kulturrevolutionäres Fieber" und "revolutionäre Schwarmgeisterei" würde vermutlich sein H auptgegner der sechziger Jahre, Hans Magnus Enzensberger, kaum mehr als Vorwurf werten indem er genau das selber verspottet.

Hans Egon Holthusens "Klassiker", der 1951 publizierte Essay "Der unbehauste Mensch", für uns damals das kleine schwarze Buch per se, Flugschrift des vermufften Moralismus und Programmzettel für die Inszenierung der Restauration, könnte Joschka Fischer seitenweise für seinen kommenden Wahlkampf ausschreiben (wie Hans Sedlmayrs ihm stets zur Seite gestellte Studie vom "Verlust der Mitte" viele heutige Leitartikel nährt).

Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Der starrköpfige Textschmecker Hans Egon Holthusen, boshaft-glanzvoller Essayist, gewiß manchmal arg samtener Lyriker (und, verbittert über die heimisch-hämische Abweisung, lange in den USA Lehrender) war kein pflegeleichter Zeitgenosse, Zeitgeistsegler schon gar nicht. Doch wirklich bestraft hat ihn das Leben dann doch nicht: Die Bücher sind da.