Die Redaktion der ZEIT hat den Artikel des erfolgreichen Vermögensverwalters George Soros über die offene Gesellschaft auf einen Punkt zugespitzt: Soros sieht heute die größte Bedrohung im Laisser-faire-Kapitalismus. Der Gegensatz von Arm und Reich etwa wird illustriert anhand der Aufnahme eines Bettlers auf der Düsseldorfer Königsallee mit der Unterschrift: "Ohne Mechanismen zur Umverteilung kommt es zu unerträglichen Ungerechtigkeiten". Dem Leser wird suggeriert, der Artikel von Soros sei für die Debatte über die Zukunft des deutschen Sozialstaats von Relevanz.

Aus meiner Sicht ist diese Inanspruchnahme des erfolgreichen Kapitalisten völlig verfehlt. Im Gegensatz zu den Verteidigern des sozialpolitischen Status quo kann Herr Soros rechnen. Bei seinen Kapitalmarkttransaktionen ging er von einer Welt aus, in der zwei und zwei vier ist, und nicht, wie in der Welt unserer Sozialpolitiker, fünf, sechs oder sieben. Das Bild des Bettlers wurde in einem Land aufgenommen, in dem das Sozialbudget mehr als ein Drittel des Sozialprodukts und mehr als zwei Drittel des öffentlichen Gesamthaushalts ausmacht. Daß es bei uns (sozialhilfeberechtigte) Bettler gibt, kann offenbar nicht mit einem Zuwenig an Umverteilung zu tun haben. Vielleicht mit einem Zuviel davon? Vielleicht ist es lukrativer, Sozialhilfe zu beziehen und mit Bettelei etwas hinzuzuverdienen, als eine regelmäßige Arbeit zu suchen, deren Lohn auf die Sozialhilfe angerechnet wird und deren Nettolohn wegen Steuern und Sozialbeiträgen kaum die Hälfte der Kosten des Arbeitgebers ausmacht.

Soros erwähnt den "Raubkapitalismus" in Rußland. Er macht der nach seiner Ansicht in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien vorherrschenden Laisser-faire-Doktrin zum Vorwurf, wirksame Hilfe für Rußland in der schwierigen Phase des Übergangs verhindert zu haben. Für Rußland ist Soros voll zuzustimmen, wenn er schreibt: "Das System des Raubkapitalismus, das in diesem Land die Herrschaft angetreten hat, ist so ungerecht, daß sich die Menschen nun leicht einem charismatischen Führer zuwenden könnten, der auf Kosten der bürgerlichen Freiheiten den nationalen Wiederaufstieg in Aussicht stellt." Wenn man unter Umverteilung die Korrektur der Einkommensverteilung versteht, die sich als Ergebnis des Marktes einstellt, dann wird in Rußland im großen Stil umverteilt, allerdings nicht von Reich zu Arm, sondern umgekehrt. Die Drohung mit Mord und Gewalt sowie Korruption sind in Rußland die Korrekturfaktoren des Marktsystems und nicht der soziale Ausgleich.

Rußland erinnert daran, daß der optimistische Adam Smith, Advokat des Laisser-faire, auf den Schultern des grimmigen Thomas Hobbes sitzt, der mit seinem "Leviathan" das Gewaltmonopol des Staates als Voraussetzung der Bürgerwohlfahrt begründet hat. Nie hat ein vernünftiger Anhänger der freien Marktwirtschaft vergessen, daß diese nur dann funktionsfähig ist, wenn der Staat die Gewaltanwendung von Bürgern gegen Bürger verhindert. Rußland ist hinter Hobbes zurückgefallen. Der dortige Raubkapitalismus hat nichts mit dem wohlverstandenen Prinzip des Laisser-faire zu tun. Sollte Soros etwas anderes sagen wollen, dann wäre ihm entschieden zu widersprechen.

Soros kritisiert nun mangelnde Hilfe für Rußland. Er meint, der anglo-amerikanische "Sozialdarwinismus" sei verantwortlich für diese Verweigerung, da es nach dieser Denkschule nur sinnvoll sei, an sich, nicht aber an das Ganze zu denken. Ich halte diese Analyse für irreführend. Eines haben uns die vergangenen Jahrzehnte gezeigt: Helfen ist schwer. Entwicklungshilfe war unterm Strich ein Desaster. Dort, wo sie ohne einschneidende Auflagen gegeben wurde, hat sie nichts oder gar Schädliches bewirkt. Afrika ist dafür ein Beispiel. Fortschritte wurden immer dann erzielt, wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) Hilfen daran gekoppelt hat, daß die Empfängerstaaten unpopuläre Sparmaßnahmen ergriffen.

Als 1976/77 Großbritannien wie ein Bittsteller aus der Dritten Welt für Finanzhilfen Auflagen des IWF akzeptieren mußte, war der Tiefpunkt einer Politik erreicht, die vom Laisser-faire Abschied nehmen wollte. Das war für den britischen Nationalstolz denn auch das Signal zur Wende zurück zum kapitalistischen Laisser-faire. Unter Margaret Thatchers Führung brachte die Politik des freien Marktes eine neue Prosperität, neue Fabriken, neue Arbeitsplätze, ein Ende der Streiks, einen Modernisierungsschub in Wirtschaft und Gesellschaft. Obwohl die Ungleichheit stieg, stieg zugleich der Lebensstandard gerade auch der arbeitenden Bevölkerung. George Soros lebt in England, sein privater Konsum, ein großer Teil der Ausgaben seiner Stiftungen kommen englischen Arbeitnehmern zugute. Innerhalb Europas findet er nur in London das Beratungs-Knowhow, das er für seine Strategien braucht, seien sie geschäftlicher oder philanthropischer Art. Kann man im Ernst annehmen, London wäre zum hochbezahlten Vordenker Europas in allen praktischen Angelegenheiten geworden, wenn der Labour-Politiker James Callaghan 1979 die Wahl gegen Frau Thatcher gewonnen hätte?