Alphons Silbermann war immer und ist immer noch für eine Provokation gut. Diesmal singt er sogar einen "Abgesang" auf "sein" Fach, die Kommunikations- und Medienwissenschaft. In einer Replik auf diesen Abgesang ist zuvörderst eine Selbsterkenntnis Silbermanns zu bedenken, zu finden auf der ersten Seite seiner 1991 erschienenen Autobiographie: "Gewiß, er hat in seinem Leben so manches angefaßt, von dem er wenig oder gar nichts verstand . . . und später, als er keineswegs unerfolgreich die wissenschaftliche Laufbahn betrat, zahllose Artikel, Glossen und Traktätchen zu Themen verfaßt, von denen man weiß Gott nicht sagen kann, er habe sie beherrscht." Diese Selbstbeschreibung gilt auch für den Artikel in der ZEIT : Silbermann kennt die Kommunikations- und Medienwissenschaft der letzten zwanzig Jahre nicht, schon gar nicht von innen. Nie war er im Fach verwurzelt, nie wurde er in dieser Zeit auf einer der jährlichen Tagungen der Deutschen Gesellschaft für Publizistikund Kommunikationswissenschaft gesichtet. Die Entwicklung des Fachs, zu dem er vor allem in den sechziger und siebziger Jahren einige Aufsätze und ein paar Bücher beigetragen hat, ging ohne ihn weiter.

Seine wichtigsten Vorwürfe an das Fach? Wirklichkeitsfremde Nutzlosigkeit und "marottenhafte Wichtigtuerei".

Die Studiengänge und neuen Lehrstühle für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sind ja seit Anfang der siebziger Jahre vor allem eingerichtet worden, um eine verbesserte Journalistenausbildung an den Universitäten zu befördern. Obwohl ja der Berufszugang für Kommunikationsberufe nach wie vor "frei" ist - Journalisten müssen nicht wie Ärzte, Apotheker oder Juristen das Fach auch studieren, in dem sie arbeiten - ist es doch so, daß in den Zeitungen, Rundfunkanstalten und anderen Kommunikationsbetrieben immer mehr auch studierte Diplomjournalisten und Kommunikationspraktiker mit Magisterabschluß arbeiten. Insofern hat das Fach schon auf den ersten Blick durch seine Ausbildungsfunktion einen nicht gering zu schätzenden gesellschaftlichen Nutzen.

Seit den achtziger Jahren stieg der gesellschaftliche Bedarf nach angewandter kommunikationswissenschaftlicher Forschung. Die Suche nach medienpädagogischen Hilfestellungen, das Bestreben, die positiven und negativen Wirkungen der Massenmedien speziell des Fernsehens zu erforschen, war und ist nach wie vor groß.

Systematische Inhaltsanalysen beispielsweise sind in der Politik, der Wirtschaft und den Medienhäusern selbst gefragt. Medienresonanzanalysen, also Analysen darüber, wie Medien über Unternehmen oder andere Institutionen berichten, werden von Kommunikationswissenschaftlern und mittlerweile von PR-Agenturen als Dienstleistung für ihre Kunden angeboten.

Die Beratungsleistung vieler Fachwissenschaftler, angefangen vom Gutachten für Rundfunkanstalten und Fachverbände über die (kommunikations-)wissenschaftlichen Gespräche der Bundesregierung, die seit über zwölf Jahren stattfinden, bis hin zur Weizsäcker-Kommission zeigen, daß kommunikationswissenschaftlicher Sachverstand gefragt ist. Wirklichkeitsferne Nutzlosigkeit?