Wer war Cindy? Ein Galloway-Rind, soviel ist sicher, verendete am 27. Dezember auf einem Hof im ostwestfälischen Brakel-Beller. Es starb an BSE. Sein Besitzer, der Landwirt Hans-Jürgen Mikus, nannte das Tier "Cindy", weil dieser Name in der Zuchtbescheinigung stand. Doch ob Cindy wirklich jene Cindy war, die am 25. Juli 1992 in Wagun (Mecklenburg-Vorpommern) geboren wurde, kann heute niemand mehr beschwören, auch nicht Bauer Mikus.

Die Kuh, die er Cindy nannte, war von einem Viehhändler aus Bayreuth geliefert worden. Sie war anders als die sechs übrigen Galloways, die zeitgleich ankamen. In der kleinen Herde blieb sie zurück, ausgegrenzt vom Rest. Ein Sonderling, genau wie ihr Herr. Hans-Jürgen Mikus ist zwar kein Biobauer, wie die Zeitungen schrieben, aber sein Gehöft ist der einzige "Aussiedlerhof" in der 220-Seelen-Gemeinde, ein einsamer Betrieb am Rande des Dorfes. Im Ort ist er bekannt für seine unüblichen Wege, auch in der Viehzucht. Emus, Strauße, Lamas und Känguruhs holte er vor drei Jahren auf seinen Hof, um besonderes Fleisch anbieten zu können. Von dieser Artenvielfalt nahm auch die Polizei Notiz, als ein Känguruh ausbrach und vor ein Auto hüpfte.

"Jetzt ist ausgerechnet er vom BSE-Fall kalt erwischt worden", sagt Hubertus Backhaus, der Landrat und Polizeichef des Kreises Höxter, "es hätte auch jeden anderen treffen können." Bauer Mikus ist seine Herde los, alle Galloways wurden eingeschläfert. Und ganz Deutschland erregt sich über seine Kuh: Denn sollte Cindy wirklich Cindy gewesen sein, dann ist sie das erste deutsche BSEOpfer. Alle anderen vier Rinder, die zwischen 1992 und 1994 in Deutschland am Wahnsinn zugrunde gingen, waren aus England importiert worden. Deutschland galt als BSE-frei. Cindy könnte die Vorbotin einer drohenden Rinderseuche sein. Aber wie kam BSE in deutsche Lande?

Drei verschiedene Theorien sind im Umlauf.

Erstens: Cindy hat BSE vom Muttertier. Die Kontrollbehörden versuchen deshalb, die Familiengeschichte des Rindes zu rekonstruieren. Laut der Zuchtbescheinigung, die der Fleischrindverband drei Jahre nach der Geburt des Tieres ausstellte, stammte Cindys Mutter aus Schottland. Camelia, die 18., aus Broadlea. Die, geboren 1989, war als Jungtier nach Mecklenburg geliefert worden und soll im August vergangenen Jahres in Holland geschlachtet worden sein. Der Vater, ein Stier namens Novum, stammte aus Mecklenburg-Vorpommern. Dort wuchs auch Cindy auf - bei dem Landwirt Werner Meyer-Bodemann, der das Tier 1995 zusammen mit sieben anderen an einen Zwischenhändler verkaufte. Sollte sich Cindy bei ihrer britischen Mutter mit BSE infiziert haben, würde das alle bisherigen Thesen widerlegen. Wissenschaftler waren stets davon ausgegangen, daß die Krankheit nicht vererbt werden könne. Sollte diese Annahme nicht stimmen, wären sämtliche Nachkommen verseuchter Tiere BSE-Kandidaten. 14 000 deutsche Rinder müßten getötet werden.

Die zweite Theorie: Cindy holte sich die Seuche über Kraftfutter, das aus Tierkadavern hergestellt wurde. Wenn BSE über Tiermehlfutter in Cindys Körper gelangt wäre, widerspräche das allen Versprechen von Landwirten und Ministerien. Seit 1989 darf Tiermehl aus Großbritannien nicht mehr importiert werden. Und in Deutschland durfte es überhaupt nicht hergestellt werden.