Es gibt gute Ärzte und schlechte. "Die Menschen aber wollen stets an das Gute im Arzt glauben", sagt die junge Hamburger Medizinerin und freut sich darüber. Sie übersetzt im Nebenjob kanadische oder englische Arztromane ins Deutsche, pro Exemplar bringt ihr das rund 2500 Mark. "Der Arzt darf niemals als Buhmann auftreten", schildert die Übersetzerin das weltfremde Erfolgsrezept der Heftchen, wie sie etwa der Bastei-Verlag unter die Leute bringt: Mediziner sind darin grundsätzlich edel, wie etwa "Chefarzt Dr. Stefan Holl" (Bastei, Band 967, 64 S., 2,20 Mark), der die Menschheit in der fiktiven Berling-Klinik heilt. Als ihn ein Patient anhaucht: "Ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt, daß Sie mich gerettet haben", da wehrt der Chefarzt ritterlich ab: "Das war doch unsere selbstverständliche Pflicht."

"Wir erwarten das Unmögliche von Ärzten. Aus unserer eigenen Not heraus verehren wir sie", schreibt der amerikanische Bestsellerautor John Updike über den Kult um den Kittel. Der beschränkt sich keineswegs auf Medien und Mediziner. Logopäden etwa werden hierzulande von ihrer Kundschaft beharrlich mit "Herr Doktor" angeredet, obgleich Praxisschilder die Sprachtherapeuten unübersehbar als nichtpromovierte Nichtmediziner ausweisen. Und von Amtsärzten erwarten wir allen Ernstes, daß sie bescheinigen, junge Beamtenanwärter würden unbeschadet das Rentenalter erreichen und damit der Pensionskasse nicht zu früh zur Last fallen, mokiert sich der Düsseldorfer Internist und Sozialmediziner Norbert Schmacke. In seinem Buch "Ärzte oder Wunderheiler?" (Westdeutscher Verlag, 230 S., 34 Mark) beschreibt er den Aufstieg des Arztes zum omnipotenten "Ratgeber und Sinnstifter", der an die Stelle des Priesters getreten ist.

Doch auf dem Höhepunkt der Herrlichkeit bekommt das Arztbild Risse. Hing früher in manchem Wartezimmer das Schild "Gott ist der Herr - der Arzt bin ich", liegen dort heute Unterschriftenlisten aus, auf denen der finanziell gebeutelte Doktor demütig Solidarität heischt. Und neben den Protagonisten einschlägiger Arztromane und -serien nimmt das Publikum in den Medien zunehmend leibhaftige Mediziner wahr, die aus Protest gegen die Gesundheitsreform streiken und mit Getöse auf die Straße gehen: Hier rutscht eine Welt aus den Fugen - nicht nur für die Ärzte.

Den ohnehin überfälligen Abschied vom "Halbgott in Weiß" könnte das Buch "House of God" beschleunigen, das Ende vergangenen Jahres auf deutsch (Gustav Fischer Verlag, 488 S., 39,80 Mark) erschienen ist und seither 25 000mal verkauft wurde. In dem brillant geschriebenen Bildungsroman verarbeitet der amerikanische Psychiater Stephen J. Bergman unter dem Pseudonym Samuel Shem seine Erfahrungen, die er in den siebziger Jahren als junger Mediziner im Beth Israel Hospital in Boston gesammelt hat.

Gemeinsam mit fünf anderen Assistenzärzten wird Roy G. Basch, Bergmans Roman-Ich, in seinem ersten Klinikjahr mit den Schattenseiten der Medizin konfrontiert. Die Hierarchie des House gleicht einer Eistüte. "Man muß sich seinen Weg nach oben lecken. Durch den ständigen Gebrauch der Zunge für den nächsthöheren Arsch sind die Wenigen auf dem Weg zum Gipfel nur noch Zunge."

Die "Schlecker" nahe der Spitze des House wollen vor allem Geld kassieren, Patienten sollen deshalb möglichst lange in der Klinik behalten werden. "Mach eine Untersuchung, ruf Komplikationen hervor, mach eine neue Untersuchung, um die Komplikation zu diagnostizieren, ruf eine neue Komplikation hervor und so weiter", entlarvt der "Dicke", ein Arzt im zweiten Jahr, das perfide System.