Autobahn A 2, linke Spur, unterwegs mit Tempo 220 hin zu einem Örtchen namens Nettelstedt. Wer so etwas tut, sich so beherzt in das Zentrum der endlosen Weite von Ostwestfalen begibt, der muß Gründe haben. Der muß eine Triebkraft spüren. Heiner Brand, 44 Jahre, fühlt sie. Noch immer.

Mehr als hundertmal hat er sich auf diesen Weg gemacht. Damals im Mannschaftsbus des VFL Gummersbach , in seinen Jahren als Spieler, als man in ihm den weltbesten Kreisläufer sah. Und auch später, als er, in der Treue eines geborenen Gummersbachers, seinem Verein als Trainer weiter zu Diensten stand.

"Niederwürzbach, Großwallstadt - jetzt dieses Nettelstedt, ich weiß auch nicht", meint Brand, als er irgendwann in Höhe des Kamener Kreuzes seinen Wagen in eine leichte Linkskurve zwingt, "ich weiß auch nicht, warum Handball am besten in den großen Dörfern gedeiht." Vage erwähnt er "die fehlende Ablenkung in den ländlichen Strukturen, die Bereitschaft zur Vereinsmeierei", dann schüttelt er den Kopf. Er scheint selber mit der Antwort nicht ganz zufrieden. Wenig später stehen wir in diesem Stau bei Bielefeld.

Heiner Brand zögert nicht, stellt den Motor ab und streckt seine Arme ein paarmal zur Dehnung durch den ganzen Wagen. Obwohl er den Sitz seiner Limousine bis zum Anschlag zurückgeschoben hat, stößt er an. Vlado Stenzel, jener Trainer und "Magier", mit dem die deutsche Nationalmannschaft 1978 Weltmeister wurde, habe einmal gesagt: "Heiner, lange Spieler kann ich beweglich machen, kleine Spieler aber nicht lang." Für einen Augenblick findet ein Lächeln in sein Gesicht, während sich draußen der Abschleppwagen eine Gasse bahnt.

Auf der A 2 beginnen die ersten Autofahrer damit, ihre Wagen zu verlassen und die Fahrbahn zu begehen. Nicht so "der Beckenbauer des Handballs", wie Brand gelegentlich bezeichnet wird. In Nettelstedt rückt der Anpfiff dieses Bundesligaspiels gegen Tabellenführer Lemgo immer näher, man erwartet ihn. Der neue Bundestrainer hat sein Erscheinen an der Basis zugesagt. "Zur Beobachtung" von Spielern, aber auch, Brand räumt es ein, "um sich mal sehen zu lassen, um den Willen zum Neuanfang zu bekunden".

Und nun Stau. Aber sich deshalb verrückt machen lassen, etwa den Verkehrsfunk einschalten oder aussteigen? "In mir brennt noch immer das Feuer", sagt Brand, dessen Zornesausbrüche, dessen bebender Schnauzer so manche Handballpartie gezeichnet haben. "Nur mit den Jahren versucht man, sich nach außen gelassener zu geben." Abgesehen davon, er hat einfach zuviel erlebt. Zuviel mitgemacht in jüngerer Zeit. Brand war Zeuge, als im deutschen Handball die Dämme brachen, als die Welt unterging.