Der Streit ist nicht neu. Was die Rolle der geplanten Europäischen Zentralbank (EZB) angeht, folgen Deutsche und Franzosen seit langem sehr gegensätzlichen Grundgedanken. So könnte man die neuesten Äußerungen französischer Politiker, wonach die künftige Geldordnung Europas ein viel zu wichtiges Gut sei, um ausschließlich Währungstechnokraten in Frankfurt überlassen zu werden, als Ausdruck der vertrauten französischen Haltung bewerten. Doch gerade deshalb lassen die Gefühlsausbrüche aus Frankreich gegen das im Maastricht-Vertrag verankerte Prinzip der Unabhängigkeit der europäischen Notenbank nichts Gutes für die Solidität und Zuverlässigkeit des künftigen europäischen Geldwesens ahnen.

Aus der Überzeugung, daß eine antiinflationäre Geldpolitik die beste Methode zur Konjunkturankurbelung sei, setzen die Deutschen auf eine europäische Notenbank, die so stabilitätsbewußt wie die Bundesbank sein wird. Die Franzosen dagegen wollen die künftige Notenbankpolitik dem wachstumsorientierten Willen der Finanzminister unterordnen und damit die Geld- und Währungspolitik unmittelbar in den Dienst der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit stellen. Wenn sich die Deutschen und Franzosen aber bereits vor der Währungsunion an unterschiedlichen Vorstellungen von der Rolle der europäischen Notenbank festklammern, dann besteht kaum Hoffnung, daß diese Unterschiede nach dem Inkrafttreten der gemeinsamen Währung leichter zu beseitigen sind. Gibt es in den kommenden Monaten keine Einigung in diesen strittigen Punkten, dann wäre es wohl besser, das Projekt so lange hinauszuschieben, bis ein echter deutsch-französischer Konsens gefunden ist. Das könnte freilich lange dauern.

Im Dissens über die EZB spiegeln sich nicht nur Unterschiede im ökonomischen Denken wider, sondern auch die andersartigen historischen Erfahrungen der Deutschen und Franzosen. Bundesbank wie Banque de France sind Phänomene und Produkte der deutschen und der französischen Geschichte.

Mag sein, daß die besondere Stellung der Bundesbank seit den fünfziger Jahren für Deutschland ein Glücksfall ist. Der neu entflammte deutsch-französische Streit aktualisiert jedoch eine alte Frage: Kann das institutionelle "Modell" der Bundesbank, so erfolgreich und bewunderungswürdig es sein mag, auf andere Länder mit unterschiedlichen Traditionen, Erfahrungen und kulturellem Erbgut übertragen werden?

Die Frage gewinnt durch die gegenwärtigen konjunkturellen Probleme in Europa erheblich an Brisanz. Bei unvermindert hoher Arbeitslosigkeit wird es für die künftige Zentralbank von höchster Bedeutung sein, in der Öffentlichkeit breiten Rückhalt für eine straffe Geldpolitik zu finden. Ohne diese Akzeptanz könnte bei künftigen politischen und wirtschaftlichen Rückschlägen eine gefährliche Dolchstoßlegende entstehen. Der Notenbank könnte vorgeworfen werden, durch eine verfehlte Politik selber zur europäischen Massenarbeitslosigkeit beizutragen oder gar sie bewußt herbeiführen zu wollen - was den mühsam zusammengestrickten europäischen Stabilitätskonsens ruinieren würde.

Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der beiden betroffenen Notenbanken mag den Hintergrund der Kontroverse erhellen. Die Entscheidung des Bundestages im Jahre 1957, die Zuständigkeit für die Währung auf eine Institution zu übertragen, die keinem Regierungsorgan gegenüber verantwortlich ist und daher nicht manipuliert werden kann, ist Ergebnis einer spezifisch deutschen Erfahrung - eines bitteren, zweimal in diesem Jahrhundert durchgemachten Kreislaufs von Krieg, Niederlage und Inflation. Obwohl es theoretisch durch einfache Mehrheit im deutschen Parlament abzuändern wäre, hat das im Bundesbankgesetz verankerte Prinzip der Unabhängigkeit inzwischen fast verfassungsrechtlichen Charakter gewonnen.