Fragt man Entwicklungsexperten nach erfolgreichen Projekten, fällt meist ein Name: Grameen-Bank. Die Bank, die der Ökonomieprofessor Muhammad Yunus vor zwanzig Jahren in Bangladesch gründete, vergibt Kleinkredite an Arme. Heute hat sie zwei Millionen, meist weibliche Kunden in 36 000 Dörfern. Klassische Geschäftsbanken hätten diesen Menschen nie einen Pfennig geliehen, durch das Startkapital der Grameen-Bank haben viele inzwischen einen Weg aus dem Elend gefunden.

Die Vergabe von Geld vor allem an Frauen, die intensive Beratung der Kreditnehmerinnen und die Selbstkontrolle der Armen ermöglichen Rückzahlungsquoten von weit über neunzig Prozent. Zwar schrieb die Grameen-Bank aufgrund eines monatelangen Generalstreiks in Bangladesch im vergangenen Jahr rote Zahlen. Dennoch bescheinigt ihr selbst die Weltbank, langfristig ohne Auslandshilfe auszukommen. "Wir haben gezeigt, dafl Arme nicht nur kreditwürdig sind, sondern auch in der Lage, ihr Leben selbst zu verändern", kommentiert Yunus seinen Erfolg.

Mittlerweile gibt es in anderen Ländern 56 Kopien der Grameen-Bank - auf den Philippinen, in Malaysia, selbst in Amerika und in Frankreich. Im Gegensatz zur Mutter, die während der Aufbaujahre viel Entwicklungshilfe bekam, leiden die jungen Banken jedoch unter dem Mangel an Startkapital. "Für den Aufbau ist finanzielle Hilfe nötig. Später können die Banken allein überleben", sagt Professor Davis Gibbons aus Malaysia, der zwanzig asiatische Gründungen untersucht hat. Der Kapitalmangel soll nun ein Ende haben: Am kommenden Wochenende lädt Gründer Yunus gemeinsam mit der Weltbank und dem Resultate-Verein zu einem Microcredit-Summit nach Washington ein. Dreitausend Entwicklungsexperten aus Nord und Süd werden erwartet.

Die Veranstalter wollen nicht potentielle Geber und Nehmer zusammenbringen. Sie wollen vielmehr neben traditionellen Hilfsorganisationen auch kommerzielle Banken für das Kreditgeschäft mit den Armen begeistern. Hundert Millionen arme Familien will der Professor so in den kommenden zehn Jahren mit Kleinkrediten versorgen. Er kalkuliert dafür Kosten von zwanzig Milliarden Mark - eine Hälfte sollen Geschäftsbanken beitragen, die andere Regierungen.

In Deutschland ist das Treffen umstritten - nicht nur wegen allgemeiner Gipfelmüdigkeit. Das Entwicklungsministerium kritisiert die "einseitige Ausrichtung an quantitativen Gröflen" und fürchtet ein Spektakel, bei dem zuwenig über die Umsetzung nachgedacht werden könnte. Längst unterstütze man armutsorientierte Selbsthilfe. Winfried Pinger, der entwicklungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, hält solche Argumente für "Alibis von Leuten, die sich nicht engagieren wollen". Der Parlamentarier empfahl dem Minister, lieber bei anderen Projekten zu sparen, um auf dem Gipfel jährlich zehn Millionen Mark zuzusagen - als Startkapital für Kopien der Grameen-Bank. Professor Yunus wird sich über solch Engagement freuen, fordert er doch längst: "Kredit sollte ein Menschenrecht sein."