Mehr als 200 000 Computerspiele sind bislang geschaffen worden, und die meisten sind längst wieder von den Festplatten gelöscht. Nun aber sollen wenigstens die denkwürdigsten einen bescheidenen Alterssitz bekommen: Am 31. Januar eröffnet im Berliner Bezirk Mitte Deutschlands erstes Computer- und Videospielemuseum. Es besteht zwar nur aus zwei Zimmern in einer liebevoll umfunktionierten Wohnung, aber auf den fünfzig Quadratmetern finden immerhin einige Monitore und Konsolen Platz, und Schautafeln erläutern die Geschichte der digitalen Spiele.

Der Rundgang beginnt mit Pong (Pong für zwei Personen zum Herunterladen), dem ersten kommerziell erfolgreichen Spiel: Je ein beweglicher Balken links und rechts und ein springender Punkt dazwischen verwandeln den Bildschirm in einen minimalistischen Tennisplatz. Neben der kapitalistisch bunten Ausgabe von 1972 findet sich, ganz in Schwarzweiß, ein zehn Jahre jüngerer Klon namens BSS 01, das erste und letzte Videospiel der DDR, gefertigt im VEB Halbleiterwerk Frankfurt. Die Textabenteuer der Zork-Reihe vom Ende der Siebziger mit ihren Welten aus flimmernder Schrift kann man hier ebenso erkunden wie den urtümlichen Charme eines halbmechanisch surrenden 3-D-Helmes der Marke Vectrex von 1982.

"Vielleicht lernen die Kinder durch die alten Spiele, daß es auch ohne all das Graphik- und Soundbrimborium geht", sagt der Kurator Andreas Lange vom Berliner Verein für Jugend- und Sozialarbeit. Der Verein betreibt seit langem eine Computerspieleberatung; mehr als 6000 Spiele ruhen inzwischen in seinem Archiv. Seit zwei Jahren bemüht er sich außerdem, sein Prüfsiegel "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" (USK) in Deutschland durchzusetzen. Das Museum will nun eine Fortsetzung dieser Arbeit sein. Neben den Ausstellungen sollen deshalb Eltern und Lehrer in Abendkursen mit den neuen Spielgefährten ihrer Kinder Bekanntschaft schließen.

In der Öffentlichkeit erregen Computerspiele noch immer Argwohn; vor allem wegen der gewissen Neigung zu Gewalt und Zerstörung, die ihnen von Anfang an innewohnte. Schon das erste Computerspiel namens Space War, 1961 vom Bostoner Informatikprofessor Steve Russel programmiert, diente dazu, die militärische Bedeutung des Computers zu demonstrieren. Pädagogen fühlen sich deshalb oft berufen, das "gute Spiel" zu fordern, während die Kinder weitgehend machen, was ihnen beliebt.

Das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) versucht einen etwas anderen Umgang mit dem heiklen Stoff. Im Oktober wird das ZKM ein großes Museum eröffnen, in dem neben experimenteller Medienkunst auch über 600 Quadratmeter für die Geschichte der Video- und Computerspiele vorgesehen sind. Das Ballerspiel Doom, von der Bundesprüfstelle auf den Index gesetzt, wird dort zum Beispiel so inszeniert, daß den Spielern die gewohnt sichere Position vor dem Bildschirm verwehrt ist. "Statt dessen liegen sie in Zahnarztstühlen aus den Sechzigern", erzählt der Kurator Bernard Serexhe. Auf dem Kopf tragen sie eine Haube, in der sie das Spiel auf kleinen Bildschirmen direkt vor Augen haben; in die Haube ist allerdings auch eine Kamera eingebaut, die sie beim Spielen aufnimmt. Ein Monitor vorne am Stuhl zeigt ihr Gesicht, unterbrochen von jener Filmsequenz aus dem Thriller "Der Marathonmann", in der Dustin Hoffman mit einem Zahnarztbohrer gefoltert wird.

Andere Museen machen da weniger Umstände. Sie zeigen, was sie eben haben, wie etwa das British Film Institute in London, das bis Mitte Mai einen Teil seiner 2000 Spiele vorführt. Vollends unbekümmert ging man in St. Louis ans Werk: Für das dortige Stand Up and Video Game Museum wurde einfach eine riesige Spielhalle nachgebaut. Der Eintritt ist frei, aber die Geräte schlucken echtes Geld.