Nützt der Euro eigentlich Europa? Im Prinzip ja. Er ist sogar dessen Symbol und Ziel. Keine Regierung stellt die Schaffung einer einheitlichen europäischen Währung mehr in Frage. Der Euro wird der krönende Abschluß eines langen wirtschaftlichen Konvergenzprozesses sein. Nur: So, wie er derzeit von Politikern dargestellt, von Fachleuten erklärt und von Finanzkreisen vermarktet wird, stellt er ein großes Risiko für die Union dar.

In seiner gegenwärtigen Version verkörpert der Euro ein erzkonservatives Modell von Europa: eine Union, in der das Geld alles und die Arbeit nichts ist. Eine Union, in der sich die Finanzwelt von jeglicher politischen Aufsicht befreit und sich angesichts einer wankelmütigen europäischen Führung ihre eigenen Regeln schafft. Ein Europa, wie es seine Völker im Grunde nicht wollen. Hinter verschlossenen Türen von "denen da oben" entwickelt, riskiert dieses Vorhaben, von "denen ganz unten" in Bausch und Bogen abgelehnt zu werden. Das heißt: Das Europa der Eliten und das Europa der Bürger stünden sich unversöhnlich gegenüber. Mehr Schaden könnte man dem Gemeinwohl nicht zufügen.

Nun muß endlich die große Debatte beginnen. In ihr stehen einander nicht mehr Pro-Europäer und Anti-Europäer gegenüber. Vielmehr verläuft heute die Front zwischen den Verfechtern eines reinen Finanz-Europa, in dem es vorrangig um Beherrschung der Märkte geht, und den Anhängern eines politischen Europa, das der Tradition des sozialen Gleichgewichts verpflichtet ist.

Ob aus technokratischem Dünkel oder falsch verstandenem Patriotismus: Die Pariser Elite hat sich dem Hartwährungskult der deutschen Konservativen angeschlossen. Ihr Götze ist ein Euro, der gegen den Sog der Politik immun ist. Diese neue Währung stützt sich auf eine Zentralbank, die nicht nur unabhängig ist, sondern sich ausschließlich der Wahrung der Geldwertstabilität verschrieben hat; die gleichgültig ist gegenüber Wachstum und Arbeitsmarkt und vor der sich der Volkswille immer wieder wird verneigen müssen.

Ursprünglich stammt diese Idee einer Zentralbank ohne jedes politische Gegengewicht aus Deutschland. Das ist unschwer zu erklären: Wir Franzosen wissen, daß die Inflation den Deutschen als wichtigstes Element in dem wirtschaftlichen Höllengebräu in Erinnerung ist, das zu den Katastrophen der dreißiger und vierziger Jahre geführt hat. Hemmungslos Geld zu drucken ist für sie gleichbedeutend mit der Vernichtung des Mittelstandes und dessen Auslieferung in politische Abenteuer. Deshalb muß die Währung den Zufälligkeiten der Politik entzogen und jenen Herren in Anzügen anvertraut werden, deren Wänste so üppig bemessen sind, wie ihre Phantasie beschränkt ist. Sie akzeptieren alles - außer dem Risiko.

Das auf diese Weise entpolitisierte Geld wird sozusagen zu einem chemischen Element, zu einem unberührbaren Rohstoff der Wirtschaft. Diese Versachlichung des Geldes ist der Bundesrepublik Deutschland nicht schlecht bekommen. Unter dem schützenden Schirm der starken D-Mark, den die Bundesbank über die Deutschen gehalten hat, fand ein bemerkenswerter industrieller und sozialer Aufschwung statt. Warum in aller Welt sollte man im Namen Europas an diesem Stützpfeiler des Wohlstandes rütteln, der überdies die politische Stabilität der Bundesrepublik gewährleistet hat?