Womöglich war solch eine Provokation überfällig. Als Lagebeschreibung ist der "Abgesang auf die deutsche Medien- und Kommunikationswissenschaft" von Alphons Silbermann jedoch denkbar unzutreffend. Denn das Fach ist, wie ich an einem kleinen, gänzlich subjektiv ausgewählten Ausschnitt von Forschungsarbeiten zeigen möchte, durchaus leistungsfähig - nur werden diese Leistungen offenbar noch nicht einmal mehr von den eigenen Fachkollegen, geschweige denn von der Medienpraxis oder der Öffentlichkeit hinreichend zur Kenntnis genommen.

- Beginnen wir bei den "Inputs" - den Nachrichten, die in das Mediensystem eingespeist werden. Sie stammen zu knapp zwei Dritteln von Pressestellen und PR-Abteilungen; sie kontrollieren damit weitgehend Themen und Zeitpunkt der Berichterstattung. Diese wissenschaftliche Erkenntnis ist gewiß praxisrelevant; sie kratzt indes am Selbstwertgefühl von Journalisten und wird deshalb von ihnen nur ungern zur Kenntnis genommen. Zu stimmen scheint das Forschungsergebnis von Barbara Baerns (Berlin) dennoch. Denn was sie Mitte der achtziger Jahre erstmals am Beispiel der Landespolitik-Berichterstattung in Nordrhein-Westfalen belegen konnte, wurde inzwischen in zahlreichen Fallstudien auch für andere Berichterstattungsfelder empirisch bestätigt.

- Über die Journalisten - und zwar in Ost- und Westdeutschland - wissen wir sehr viel Genaueres, seit Forschergruppen um Klaus Schönbach (Hannover) und Siegfried Weischenberg (Münster) Anfang der neunziger Jahre konkurrierend in zwei großangelegten repräsentativen Befragungen Daten zum Selbstverständnis der Berufsgruppe erhoben haben. Seither gelten frühere Studien, wonach deutsche Journalisten politisch links und missionarisch seien, zwar nicht als widerlegt, aber doch als überholt. Der Journalismus hat sich seit den siebziger Jahren verändert; Journalisten begreifen sich heute eher als Dienstleister und oftmals auch als Unterhaltungskünstler. Damit ist auch ein kommunikationswissenschaftlicher Disput überflüssig geworden, der jahrelang das Fach entzweite. Obendrein trug dieser Disput sein Scherflein dazu bei, daß Journalisten ihrerseits zumindest die Kommunikationswissenschaftler der Mainzer Schule allzugern und vorschnell als "rechts" verschubladisierten.

- Nach welchen Regeln Journalisten Nachrichten bewerten und auswählen, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Die wichtigsten Forschungen hierzu hat in Deutschland bereits Mitte der siebziger Jahre Winfried Schulz (Nürnberg) angestoßen. Daraus ist inzwischen eine der wohl fruchtbarsten Kontroversen unseres Fachs geworden: Die Konstruktivisten verweisen auf die eigene Realität, die von den Medien konstruiert wird - und natürlich auch von den Nachrichtenlieferanten, die häufig mediengerechte Events einzig und allein inszenieren, um in den Medien präsent zu sein. Andere Wissenschaftler - etwa Hans Mathias Kepplinger (Mainz) - halten gleichwohl normativ daran fest, daß die Medien vor allem den Auftrag haben, Realität abzubilden - und halten es den Journalisten immer wieder mit Verve und Akribie vor, wenn sie gegen die Objektivitätsnormen und gegen professionelle Regeln verstoßen.

- Und die "Outputs"? Wie fehleranfällig und fahrlässig der Journalismus agiert, ist einem größeren Publikum vielleicht erstmals anläßlich des Falls Born bewußt geworden. Kommunikationsforscher wissen es seit langem. Michael Haller (Leipzig) hat beispielsweise mit seiner Tschernobyl-Studie nachweisen können, daß auch die Créme de la créme des Tageszeitungsjournalismus davon nicht verschont ist. Assistiert von zwei Kernphysikern, belegte er, wie sich in den Wochen nach dem Reaktorunfall selbst in den Berichten der Frankfurter Allgemeinen, der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau und der Neuen Zürcher Zeitung die Fehler häuften. Statistisch betrachtet, war es mehr als ein inhaltlicher Schnitzer pro Beitrag (!). Von Berichtigungen übrigens keine Spur, selbst wenn die Desinformation gravierend war.

- Darüber hinaus können wir - dank eines neuen Branchendienstes, der sich kommunikationswissenschaftlicher Forschungsmethoden bedient - inzwischen sehr genau verfolgen, welche Themen von welchen Medien mit welchen Akzentsetzungen "gespielt" werden. Der Medien-Tenor gibt darüber alle vierzehn Tage präzise Aufschluß. Er ist übrigens eine der Kopfgeburten, die wir der grande dame der deutschen Kommunikationswissenschaft, Elisabeth Noelle-Neumann, verdanken. Daß die Medien ihn bisher noch nicht gebührend beachten, steht auf einem anderen Blatt.