Wo kann ich in der Wüste meine Akkus aufladen?" Mit dieser Frage beginnt, in der Wartehalle des Frankfurter Flughafens, die Reise zum Hochplateau des Tassili am Südostrand der algerischen Sahara. Der Satz ist symptomatisch: Die Lesbengruppe aus Berlin und der Zahntechniker aus dem Oderbruch, die Architekten und Lehrer aus Frankfurt und Stuttgart, der Elektriker aus Kreuzberg und der Bauunternehmer aus Berlin-Charlottenburg, der kritische Aktionär aus Darmstadt und der Guru aus Schöneberg, der mit "Himmelsakupunktur" die Wüste beregnen will - sie alle fliegen in die Sahara, um dort ihre "Akkus aufzuladen". Vor zwanzig Jahren hätten sie den Tuareg die Revolution gepredigt, vor zehn Jahren Feminismus und/oder Ökologie, jetzt ist radikale Selbstverwirklichung angesagt. Ein anderes Wort dafür ist Erholung, Ausstieg aus dem Alltagsstreß, dem erfolgreiche Jungdynamiker heute ausgesetzt sind. Die Sahara, sollte man meinen, ist für diese Art der Selbstfindung der richtige Ort. Aber die Konfrontation von Algeriern mit Alternativen, von Lesben mit Tuareg ähnelt, auch ohne Kulturschock, einer unheimlichen Begegnung der vierten Art, denn das von einem mörderischen Bürgerkrieg zerrissene Algerien ist derzeit alles andere als ein normales Touristenziel.

"Trinken Sie einen Schluck flüssiger Sonne!" Mit so blumigen Worten preist ein als Air-Algérie-Steward getarnter orientalischer Märchenerzähler eine Dose Orangensaft an. "Das Mineralwasser sprudelt wie Ihre Jugend", fügt er, an die Passagiere gewandt, hinzu, während hinter der Bergkette des Atlas die Sonne untergeht und meine Nachbarin das Adjektiv "purpurrot" in ihr Tagebuch notiert. Dann sind nur noch matt glimmende Lichtpunkte am Boden zu sehen, bei denen es sich, wie ein Landeskenner behauptet, um brennende Ölquellen handeln soll.

Unser Ziel, die Oasenstadt Dschanet, liegt 2200 Kilometer von Algier entfernt - weiter als Berlin. Bei der Landung auf der schwach beleuchteten Piste herrscht ringsum Dunkelheit, aus der uns eisiger Wind entgegenweht. Die Fremdheit der bis zu den Augen verschleierten Tuareg wird durch ihre freundliche Begrüßung wettgemacht, die uns von nun an wie ein Refrain begleitet: "Labass - wie geht's? Tanemert - danke gut." Beim Nachtessen im Hotel erzählt mir der Pilot der Air Algérie, in Algier könne man sich überall frei bewegen, sofern man darauf achte, nicht zweimal am Tag denselben Weg zu gehen. Algeriens Fundamentalisten, fügt er hinzu, predigten eine Karikatur des Islam, der im Maghreb stets tolerant gegen Andersgläubige gewesen sei: "Islam heißt Frieden, nicht Fanatismus oder Haß. Möchten Sie noch ein Glas Wein?"

Als ich am Morgen aus der Tür trete, taumle ich, vom Licht geblendet zurück. Schwarze Felsen, weißer Sand, darüber der von keinem Wölkchen getrübte stahlblaue Himmel, in dem ein Krähenpaar kreist. Ich lege mich reglos auf den Boden, und nach kurzer Zeit landen die Aasvögel und hüpfen näher, um bei meiner ersten Bewegung erschrocken aufzufliegen.

Seit Beginn des Bürgerkrieges vor fünf Jahren haben kaum noch Touristen die algerische Sahara besucht; das Hotel "Tenere" in Dschanet, wo sich Reisegruppen aus Spanien und Italien die Türklinke in die Hand gaben, steht seitdem leer. 1994 starb der Besitzer des Hotels bei einem Hubschrauberabsturz, den ein deutscher Reporter mit knapper Not überlebte. Ahmed, der Sohn des Hoteliers, versucht mit viel Engagement die von seinem Vater hinterlassene Lücke zu füllen; aber ohne direkte Flugverbindungen von Europa nach Dschanet werden die Touristen weiterhin ausbleiben: In Algier zu übernachten ist den meisten von ihnen zu riskant.

Nach Tamanrasset ist Dschanet mit 6000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Sahara, in der auf vier Fünfteln des Staatsgebiets nur 0,1 Prozent der Bevölkerung leben: meist seßhaft gewordene Tuareg, die seit einer oder zwei Generationen, aus Algier subventioniert, von der Viehzucht zum Ackerbau übergehen - mit mehr oder weniger Erfolg. In der künstlich bewässerten palmeraie, wo außer Datteln und Zitrusfrüchten auch Zwiebeln, Paprikaschoten und Tomaten, Weintrauben und Granatäpfel gedeihen, sind viele Obstbäume und Sträucher von Parasiten befallen, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Und wenn alle drei, vier Jahre der Regen die Wüste grünen und blühen läßt, fallen aus der Sahelzone die Heuschreckenschwärme ein. Wie ungewohnt die seßhafte Lebensweise für die Nomaden noch ist, zeigt sich unter anderem daran, daß sie Sand auf den Boden der von der Regierung gebauten Bungalows streuen, weil ihnen deren Estrich zu kalt ist.