I. Techno food wird als Revolution ausgegeben. Revolutionen werden gemacht, um die Lage der Benachteiligten zu verbessern und unzeitgemäße Privilegien abzuschaffen. Daran gemessen ist Techno food keine Revolution, sondern ein Putsch. Er verbessert die Lage der Privilegierten, nämlich der Produzenten der neuen Nahrungsmittel. Die verdienen daran. Dem Konsumenten nützen sie überhaupt nicht. Sie sind die überflüssigste Erfindung seit dem Teebeutel.

II. Die Nouvelle cuisine war eine Revolution. Sie modernisierte die alte, schwere Küche und motivierte die Köche zu neuen Erfindungen. Aber wie bisher alle Revolutionen, mündete sie im Terror. Ihr Robespierre hieß Styling. Durch ästhetische Dogmen, deren einziges Ziel eine prätentiöse Kreativität war, sollte die Erinnerung an die Tradition des Kochens ausgelöscht werden. Die sich darin äußernde Inhumanität konnte sich natürlich nicht behaupten. Folgerichtig brach diese Art von Kulturrevolution zusammen und gab der klassischen Küche ihre Rechte zurück. Die Beseitigung der Trümmer ist, wie bei Maos Kulturrevolution, beschämend und gibt den Konterrevolutionären Auftrieb.

III. Die Küche der Zukunft wird nicht anders sein als die heutige. Nur die Proportionen werden sich verschieben. Techno food wird in größerem Maße die Eßgewohnheiten bestimmen, McDonald's und Konsorten bilden die Folklore des elektronischen Zeitalters. So wie Videoclips und Werbespots unsere Sehgewohnheiten infantilisieren, werden Nahrungsmittel aus dem Labor unseren kulinarischen Geschmack verkümmern lassen. Im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit bekommen unsere Nahrungsmittel eine ähnliche soziologische Bedeutung wie die Compact Disc und das Mobiltelephon. Da sich aber nicht alle Menschen gleichschalten lassen, wird der Widerstand gegen fremdbestimmte Menüs stärker. Den Wunsch, sich sein Essen selbst zu kochen und zu würzen, anstatt sich mit konfektoniertem Laborfraß abspeisen zu lassen, darf man als Rückfall in die Zivilisation bezeichnen.

IV. Unsere Lebensweise, die als modern bezeichnet wird, hat sich von der gesamtheitlichen Form des Lebens, wie sie vor der Erfindung des Automobils und der Psychoanalyse existierte, so weit entfernt, daß eine Rückkehr zu dieser nicht vorstellbar ist. Daß auch unsere Eßgewohnheiten sich radikal geändert haben, scheint folgerichtig. Wer so verschiedenartige neue Bedürfnisse hat, widmet dem Essen nicht mehr die gleiche Zeit wie die vorige Generation. Das Schnellessen wird dem Konsumenten durch eine Industrie ermöglicht, die, wenn es ihr Profit brächte, auch fürs Langsamessen die entsprechenden Speisen erfinden und produzieren würde. Der Konsument, durch gewaltige Werbeanstrengungen zwangsverblödet, empfindet es als Fortschritt.

V. Die durch den Putsch der Nahrungsmittelgiganten entstandene Geschmacksdiktatur wird eines Tages zusammenbrechen, wie das Sowjetreich zusammengebrochen ist. Und zwar aus den gleichen Gründen. Die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen durch massive chemische Eingriffe in den Boden, der uns Nahrung verschafft, in Verbindung mit synthetischen Nahrungsmitteln, wird die Belastbarkeit unseres Organismus überfordern. Die rücksichtslose Ausrichtung auf Effektivität, das heißt auf Quantität zu konkurrenzlos billigen Preisen, führt auf die Dauer zum biologischen Bankrott unserer Wohlstandsgesellschaft - sie wird so zusammenbrechen, wie die Industrie des Ostens an ihrer ökonomischen Blindheit zusammengebrochen ist.

VI. Opposition gegen den voraussehbaren Niedergang kann nur in einer Verstärkung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft bestehen sowie in der Erkenntnis des Konsumenten, daß die Zeitersparnis durch schnelles Essen sein Leben nicht verlängert, sondern die Lebensqualität beeinträchtigt. Familien, deren einzige gemeinsame Mahlzeit das Frühstück am Sonntagmorgen ist, bilden keine Lebensgemeinschaft mehr. Singles, die sich aus der Schachtel ernähren, kommen möglicherweise in den Himmel, weil sie das Fegefeuer schon zu Lebzeiten durchmachen. Jene Dimension, in der lebensfroher Genuß zu finden ist, kennen beide Gruppen nicht.