Wer wollte in der Politik schon von Jahrhundertwerken reden? Aber daß am Ende dieses 20. Jahrhunderts ein gewaltiger politischer Umbruch bevorsteht, wird selbst in den Bonner Spiegelfechtereien immer deutlicher. Rentenreform, Steuerreform - aus den noch sehr vorläufigen Papieren von Regierungskommissionen und Unions-Gremien läßt sich noch lange nicht auf ein schlüssiges Konzept des Kanzlers und seiner Koalition schließen. Aber in all dem Wirrwarr bildet sich immerhin das Muster der heraufziehenden Konflikte ab.

Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt: Was hält, zum ersten, die Gesellschaft heute zusammen - und wer kommt für die Kosten der Gegenwart auf? Was hält, zum zweiten, die Generationen morgen noch zusammen wer also trägt die Kosten für die Zukunft? Mit anderen Worten: Wie sieht - Stichwort: Steuerreform - die Zukunft des Gesellschaftsvertrags aus? Und wie - Stichwort: Rentenreform - die Zukunft des Generationenvertrags?

Die Rentenreform: Von Blüms Bericht bis zu einem fertigen Gesetz führt noch ein weiter und verschlungener Weg. Doch die Stunde der Wahrheit ist angebrochen. Zum ersten Mal hat ein Regierungsgremium den Mut, und sei es: den Mut der Verzweiflung, das Gründungsversprechen der Wirtschaftswunder-Republik aufzuheben und gewissermaßen eine Änderungskündigung zum Generationenvertrag auszusprechen.

Die ursprüngliche Zusage der dynamischen Rente, die vier Jahrzehnte lang das politische und soziale Bewußtsein, ja, in einem bestimmten Sinne die innere Verfassung der Republik prägte, hatte folgendermaßen gelautet: Wer aus dem Arbeitsleben ausscheidet, nimmt gleichwohl auf Lebenszeit am Wohlstandszuwachs der Gesellschaft weiter teil. Damit hat es nun ein Ende. Die Umkehrung der Bevölkerungspyramide (immer mehr alte, immer weniger junge Menschen) und die höhere Lebenserwartung haben den Generationenvertrag in seiner bisherigen Fassung ausgehöhlt.

Dies ist die politische Botschaft hinter der technokratisch formulierten Mitteilung der Rentenkommission: Das Rentenniveau soll bis zum Jahre 2030 von 71,6 Prozent auf 64 Prozent des durchschnittlichen Nettoverdienstes gesenkt werden. Und nicht einmal mit diesem Schnitt ließen sich die Beiträge zur Rentenversicherung langfristig unter 20 Prozent halten.

Zwar verkündet die politische Gebetsmühle nach wie vor, die Renten seien sicher; das mag für die heutigen Rentner auch im wesentlichen noch so gelten. Aber wer in der Mitte seines Arbeitslebens steht, muß spätestens jetzt begreifen: Er kann sich für den Ruhestand immer weniger auf die Rente verlassen. Er muß in wachsendem Umfang selber Vorsorge betreiben - und so gesehen ist es fast einerlei, ob sein heute zu konsumierendes Einkommen durch steigende Beitragssätze oder durch eigenverantwortliche Sparleistungen geschmälert wird. Mit einem wesentlichen Unterschied: Die eigene Vorsorge wird nicht zur Hälfte vom Arbeitgeber bezahlt und den Lohnnebenkosten zugeschlagen.