Es war in einer Freitagnacht, am 27. Dezember des vergangenen Jahres. Auf der Autobahn zwischen Piacenza und Turin fährt ein weißer Mercedes durch die dunkle Poebene. Kein Nebel an diesem Abend. Der Mond scheint. Es ist zwanzig Uhr. Das Ehepaar Lorenzo Bossini und Maria Letizia Berdini kommt aus Brescia und ist auf dem Weg nach Paris. Die beiden wollen dort Silvester feiern. Erst vor fünf Monaten haben sie geheiratet. Da plötzlich, beim Durchfahren einer Autobahnbrücke auf der Höhe des Städtchens Tortona, zerspringt die Windschutzscheibe des Mercedes. Mit einer Vollbremsung bringt Bossini sein Fahrzeug zum Stehen. Überall Glassplitter und Blut. Ein zweieinhalb Kilo schwerer Stein hat die Scheibe durchschlagen. Seine Frau ist tot. Ihr Schädel ist zerstrümmert. Die am Unfallort eintreffenden Carabinieri leuchten mit ihren Scheinwerfern die Brücke über der Autobahn ab. Da steht niemand. Schon zum sechstenmal sind in dieser Gegend Fahrzeuge von Autobahnbrücken aus mit Steinen beworfen worden. An diesem Abend hat das teuflische Spiel zum ersten Mal ein Todesopfer gefordert.

Volltreffer. Bingo! Einstürze, Karambolagen, Blitze, Superman-Laserstrahlen explodieren auf den Bildschirmen in den armseligen Winkeln der Espressobars, in denen sich die Jugendlichen langweilen. Daß zwischen diesen Spielen und den Steinen auf der Autobahn Zusammenhänge bestehen könnten, glauben die Ermittlungsbehörden seit - drei Wochen nach dem Tod von Maria Letizia Berdini - eine sitzengelassene Geliebte ihren Exfreund verpfiff. Der habe sich unter Freunden mit Steinwürfen und Bingo!-Erfolgen gerühmt. In der norditalienischen Kleinstadt Tortona wurde daraufhin der 25jährige arbeitslose Paolo Furlan verhaftet und mit ihm seine vier Brüder, sein Vetter sowie zwei weitere Jugendliche, darunter ein 19jähriges Mädchen. Die Steinwerferbande sei gefaßt! ging es wie ein Lauffeuer über die Piazza. An die vierhundert Menschen versuchten in den Justizpalast zu stürmen. "Lyncht die Killer!" riefen sie.

In der engen Mietwohnung der Familie Furlan ist nach der Verhaftung ihrer fünf Söhne viel Platz. Lediglich Sergio wurde schnell wieder nach Hause geschickt, weil er zur Tatzeit noch minderjährig war. Die anderen blieben in Untersuchungshaft.

Die invaliden Eltern werden seit Jahren von der Sozialfürsorge betreut. Die Jungen leben von Gelegenheitsjobs. Der älteste, dreißig Jahre alt, schaffte für alle einen Fiat Tipo an. Zwei Fernseher flimmern pausenlos in der Großfamilie. Einer steht in dem Zimmer, das sich drei der Jungen als Schlafraum teilen. Sergio, dessen Pflichtanwalt ihn in einer Medienkonferenz vorführte, erzählte der Öffentlichkeit von der lähmenden Langeweile ihres Alltags: von den kleinen Jobs und dem Rumstehen in den Espressobars. Videogames für umgerechnet zehn Mark die Stunde. Abends zum Essen nach Hause. Dabei fernsehen, am liebsten Blödelshows oder Horrorfilme. Schmökern in billigen Heftchen,von Micky Mouse bis zu Porno. Noch vor Mitternacht liegen alle in der Falle.

Idole, nein, die hätte niemand von ihnen. Auch keine Pläne für die Zukunft. Allein für sich unternehme nie einer etwas. Es sei ein ganz normales Leben, sagte der jüngste der Furlan-Söhne, die nun alle im Verdacht stehen, zusammen mit ihren Freunden aus Langeweile sich zu einer Steinwerferbande auf Autobahnbrücken zusammengetan zu haben. Einfach nur so.

Eine Lähmung lastet auf der Stadt. Hier, auf der halben Strecke zwischen Mailand und Genua, wo der Intercity ohne Halt durchsaust, wohnen 28 000 Menschen. Eine moderne Kleinindustrie hat dem Städtchen durchaus zu Wohlstand verholfen. Und doch ist - seit Kaiser Barbarossa den Ort einst verwüstete - keine neue Schönheit aufgekommen. Bella Italia, so etwas gibt es nicht in dieser Stadt. Es ist ein Niemandsland, nur ein geographischer Schneidepunkt zwischen Piemont, der Lombardei, Ligurien und der Emilia Romagna, und darüber kann auch der Eisenbahnknotenpunkt für die Provinzbummelzüge nicht hinwegtäuschen. Die klassische Heeresstraße Via Emilia durchzieht als Geschäftshauptstraße das Zentrum, mal gerade einen knappen Kilometer lang. Die "Bar Teatro" liegt ziemlich in ihrer Mitte. Sie macht - wie alles sonst in dieser Stadt - aus ihrer Langeweile kein Hehl.