Bonn - In der jungen Gruppe der Unions-Fraktion im Bundestag läuft derzeit eine rebellische Wette. Es geht um erlesene Jahrgänge französischen Rotweins, die einige auf den vorzeitigen Abgang des Kanzlers setzen. Termin: Herbst 1997.

Die Prognose ist kühn und kann die Wettfreudigen teuer zu stehen kommen. Immer noch halten viele christdemokratische Jungparlamentarier dagegen. Der Glaube an den "ewigen Kanzler" ist noch weit verbreitet. Seltsam nur: Daß Helmut Kohl am Beginn dieses Jahres so wirkt, als wolle er "es noch einmal wissen", will kaum einer behaupten. Ein Wechsel an der Spitze mag den meisten jungen CDU-Abgeordneten unwahrscheinlich vorkommen, die Vorstellung aber, alles werde einfach so weitergehen, tut es auch.

Zweifellos hat Helmut Kohl einen ziemlich verpatzten Jahresauftakt erwischt. Erst kam Wolfgang Schäubles offenes Eingeständnis, vielleicht einmal Bundeskanzler werden zu wollen, freilich nur im Konsens mit dem Amtsinhaber. Kurz darauf folgten die jungen CDU-Landesvorsitzenden und ihre Kritik an Theo Waigel und seiner Steuerreform. Und endlich die Widerworte von Norbert Blüm, den der Kanzler ebenso hart wie vergeblich in die Schranken zu weisen versuchte.

Nun mißlingen ihm sogar Termine, die eigentlich nach Kohls Geschmack sein müßten. Zum 50. Jahrestag der Jungen Union etwa redet der Bundeskanzler am Anlaß und am Publikum vorbei. Auch in Prag, bei der Unterzeichnung der deutsch-tschechischen Erklärung, wirkt er angespannt und reizbar. Dafür ließen sich Gründe finden: der spröde Václav Klaus, die Sudetendeutschen, das Gezerre um die Erklärung. Und zu Hause probten die Landeschefs den Aufstand.

Oder doch nicht? Fast scheint es jetzt, als seien die Matadore Christian Wulff, Roland Koch, Peter Müller und Ole von Beust ein wenig darüber erschrocken, was "eine reine Sachkontroverse" in der Union so alles auszulösen vermag. Sie hätten es gerne getrennt: Dem Kanzler widersprechen und damit Erfolge ernten, das möchten sie schon für sich in Anspruch nehmen. Der Ertrag ihrer Waigel-Kritik sei "erheblich", freut sich Peter Müller. Die fünfzehnprozentige Eingangssteuer, ein Spitzensatz, der erst bei neunzigtausend Mark greift, schließlich die "Entkoppelung" der Reform von der Frage ihrer Finanzierung durch eine höhere Mehrwertsteuer - all das reklamieren die Landeschefs unumwunden als ihren Erfolg.

Nur für die Weiterungen wollen sie nicht herhalten. Lieber schützen sie jetzt Naivität vor, spielen ein bißchen die unerfahrenen Provinzpolitiker: "Die Gedankenspiele in Bonn sind uns eher fremd", bekundet Ole von Beust. Er meint damit die Spekulationen um Kohl, die von ihrem plötzlichen Widerspruch ausgelöst wurden. Also fragen viele, ob die Antennen des Kanzlers noch funktionieren und wie gut er seine Partei noch im Griff hat. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Schäubles Kanzlerversuchung und dem Vorstoß der "Jungen Wilden"? Die aber wissen nichts von alldem. Hat es sich in den Ländern noch nicht herumgesprochen, daß offener Widerspruch, Rücktrittsforderungen an Kanzler-Freunde sowie die spontane Unterstützung solcher Aktivitäten im Kohlschen Machtsystem nicht vorgesehen sind? Der Chef selbst jedenfalls brachte den Regelverstoß schnell auf den Punkt: Christian Wulff, dessen Kritik den Eklat auslöste, habe sich "außerhalb der Kameradschaft gestellt". Schöner läßt es sich nicht sagen. Noch gilt die Hausordnung.