1905 wurde in Oberhof, das dreißig Kilometer von Seligenthal entfernt liegt, der Thüringer Wintersport-Verband gegründet. Bereits ein Jahr später fand ein erster Rennsteig-Lauf über 27 Kilometer statt. In den sechziger Jahren schlief die Tradition ein. Die DDR-Führung interessierte sich mehr für Leistungs- als für Volkssport.

Trotz des großen Zuspruchs war dieser Lauf nie mehr als ein kleiner Schneeball in der Lawine der wintersportlichen Ereignisse, die Ende des letzten Jahrhunderts in Oberhof losgetreten wurde. 1861 waren die ersten Feriengäste in das kleine Köhlerdorf gekommen.

Fünfzig Jahre später stand Kurhotel an Kurhotel. Das Dorf in 830 Meter Höhe war mondän geworden. Die Familie des Herzogs von Sachsen-Coburg und Gotha kam regelmäßig zu Besuch, ein vergilbtes Photo zeigt den kaiserlichen Kronprinzen Wilhelm mit Schal und Mütze am Steuer eines Bobs. In den Jahren 1906 bis 1921 wurden die internationalen Thüringer Skimeisterschaften und die deutschen Bobmeisterschaften ausgetragen, 1931 die nordischen Skiweltmeisterschaften. Dann beendete der Zweite Weltkrieg die goldenen Jahre. Im DDR-Sozialismus veränderte Oberhof zum zweiten Mal sein Gesicht. Der FDGB brachte Jahr für Jahr Urlauber in die Bettenburgen des zum "Erholungsort des werktätigen Volkes" umgestalteten Dorfs. Führungskader der SED ersetzten nun den Adel. 1956 wurde der Armeesportklub ASK Vorwärts, Kaderschmiede des DDR-Wintersports, gegründet.

Helmut Aschenbach aus Seligenthal war damals Übungsleiter. Der ASK hatte in den Dörfern um Oberhof Trainingszentren zur Nachwuchsförderung eingerichtet. "So um die dreißig Schüler waren bei mir immer dabei", erinnert er sich. Darunter auch der spätere zweifache Weltmeister im Langlauf und 21fache DDR-Meister Gerhard Grimmer. Frank Luck, der 1994 bei den Olympischen Spielen in der Biathlonstaffel Gold gewann, stammt aus Seligenthal. Sven Fischer, ebenfalls Olympiasieger im Staffellauf von 1994, hat hier früher trainiert. Helmut Aschenbach ist stolz darauf. Das ganze Dorf ist stolz.

Nach der Wende wurde der ASK Vorwärts aufgelöst, und die Trainingszentren in den Dörfern wurden geschlossen. "Ein Jammer, daß die Jugend nicht mehr gefördert wird", findet Helmut Aschenbach. Aber wenigstens der Rennsteig-Volkslauf soll überleben. "Für den sportlichen Wettkampf und auch, damit unsere Gegend im Gespräch bleibt." Denn was man hier braucht, das sind Touristen.

"Toll", sagt Adolf Wasmuth aus dem Ruhrgebiet, wenn man ihn fragt, wie er die Loipen hier findet. Der 61jährige hat schon einiges hinter sich. Den Engadin Skimarathon beispielsweise: 42 Kilometer in 2 Stunden und 7 Minuten. Den Koasa-Lauf: 42 Kilometer in 2 Stunden und 34 Minuten. Den König-Ludwig-Lauf natürlich auch.

"Ich habe selten so gut gespurte Loipen gehabt wie hier", lobt Adolf Wasmuth. Seit ein paar Tagen wohnt er mit seiner Frau im Ferienhaus, das Aschenbachs vermieten. Jeden Tag fährt er von Seligenthal nach Oberhof, um dort auf den Loipen zu trainieren.