Als der bundesweite Hörfunk DeutschlandRadio 1996 einige Volontärsstellen anbot, meldeten sich siebzig Bewerber. Zwölf kamen in die engere Auswahl und wurden zu Vorstellungsgesprächen geladen. Vier wurden ausgewählt. Einer davon hat Publizistik im Hauptfach studiert, einer im Nebenfach. Die Ausgewählten beherrschen im Durchschnitt drei Fremdsprachen, haben mehrere Auslandsaufenthalte und praktische Erfahrungen bei Hörfunk, Presse und Fernsehen. Alle sind Ende Zwanzig.

Das Studium der Publizistik oder Kommunikationswissenschaft ist für den Einstieg in den Beruf nicht hinderlich, aber es verschafft auch keinen entscheidenden Platzvorteil. Der klassische Journalismus verlangt von seinen Aspiranten breites Allgemeinwissen, spezielle Kenntnisse in einem Fachgebiet, die Fähigkeit zur systematischen Arbeit, zum klaren Urteil, Geschick im Umgang mit der Sprache und Freude am Formulieren. Nicht zu vergessen: Brennende Neugier ist ebenfalls eine unverzichtbare Voraussetzung für den Journalistenberuf.

Zur Herausbildung dieser Fähigkeiten können die publizistischen Fachinstitute nur begrenzt beitragen, und deshalb sollten sie auch nicht den Eindruck erwecken, in erster Linie Ausbildungsstätten für Journalisten zu sein. Ihre wissenschaftliche Aufgabe ist es, die Geschichte der Medien systematisch aufzuarbeiten, Kommunikationsstränge in der Gesellschaft zu verfolgen, international zu vergleichen, Gattungen zu beschreiben, Inhaltsanalysen und Wirkungsforschung zu betreiben, die ökonomischen Strukturen der Medienwirtschaft zu analysieren und ihre Rückwirkungen auf die Qualität der Medienprodukte darzustellen. In einer Gesellschaft, in der Medienprodukte omnipräsent sind und das Verhalten von Wählern, Politikern und Konsumenten ständig beeinflussen, kann der Nutzen eines solchen Forschungszweiges für die Gesellschaft enorm sein. Die Kommunikationswissenschaft ist kein Orchideenfach mehr, aber statt des zwanghaften Versuchs, sich über eine eigene Methodik zu legitimieren, sollte sie über die Zirkel der Fachwissenschaft hinaus zur Aufklärungsinstitution für die gesamte Gesellschaft werden. Dazu gehört Kenntnis der Medienpraxis, Mut zur Aktualität, zur Schnelligkeit und zur pointierten Aussage. Und daran mangelt es.

Was kennzeichnet die gegenwärtige Mediensituation? - Jeder klagt über die "Schreinemakerisierung" des Fernsehens, über zunehmende Sensationshascherei und Kampagnen-Journalismus. Offenkundig ist der Hang zur öffentlichen Vernichtung von Existenzen durch die Verbreitung ungeprüfter Vorwürfe. Die Grenzen zwischen Information, Kommentar, Entertainment und Werbebotschaft zerfließen. Es wird weniger informiert, viel desinformiert und vor allem unterhalten. An die Stelle des Argumentes tritt die Behauptung. Mit sachkundigen Urteilen lassen sich Auflagen und Einschaltquoten nicht steigern, deshalb tagt überall das journalistische Schnellgericht: Es urteilt nicht, es verurteilt.

Wer hat diese brisanten Medienphänomene in jüngster Zeit dargestellt und kritisch durchleuchtet? Waren es die Lehrstuhlinhaber der publizistischen Disziplin? Nein! - Sie lehrten Kommunikationstheorie und Semiotik, handelten über die Legitimation des journalistischen Berufs und über die Geschichte der Massenmedien. Für die praktischen Übungen "Wie schreibe ich eine Reportage?", "Wie mache ich ein Interview?", "Was muß ich bei einer Fernsehproduktion beachten?" holten sie sich Lehrbeauftragte aus nahe gelegenen Redaktionen. So weit, so gut. Solche Aufgaben müssen die Institute in ihrer Hochschulroutine erledigen. Aber im Hang zur Routine wird auch der Mangel deutlich.

Die oben beschriebenen Tendenzen im Mediengeschäft, die gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln und durch massenhafte Verbreitung befördern, wurden nicht von Fachwissenschaftlern, sondern von engagierten Journalisten aufgegriffen - von Herbert Riehl-Heyse und Burkard Müller-Ullrich. Den besten Einblick in das Prinzip Bild-Zeitung verdanken wir noch immer Günter Wallraffs "Der Aufmacher", die Aufklärung über die amerikanischen Informationsmechanismen im Golfkrieg als "Schlacht der Lügen" John R. McArthur von Harper's Magazine. Die erste Materialsammlung zum Selbstverständnis ehemaliger DDR-Journalisten, die heute im Mediensystem des vereinten Deutschlands arbeiten, findet sich in einem Sammelband "Genosse Journalist", herausgegeben vom Journalisten Willi Steul.