Berlin - Gerade zwei Wochen ist es her, da konnte Faride Zebardschad ihrem Mann zur Abwechslung etwas Schönes berichten: "Freu dich, wir verlassen das Asylheim", sagte sie in die Telefonmuschel. "Die neue Wohnung ist schön. Sie wird dir gefallen, wenn du uns in Berlin besuchst."

Faradsch Sarkuhi ist nicht zu Besuch gekommen. Er würde gern kommen, kann aber nicht. Ob es ihm je möglich sein wird, wagt in diesen Tagen niemand vorherzusagen. Zweimal binnen drei Monaten ist Faradsch Sarkuhi, Schriftsteller und Chefredakteur der Teheraner Literaturzeitschrift Adineh, im Lande der Mullahs "verschwunden". Zweimal ist er wiederaufgetaucht. Das erste Mal nur scheinbar als freier Mann, denn wochenlang war er in den Folterkellern des Geheimdienstes unter Druck gesetzt worden. Das zweite Mal in einem Gefägnis der Stadt Buschir. Dort wird er jetzt festgehalten, wie es am Dienstag in Teheran hieß. Welches grausame Spiel veranstaltet das Regime mit seinem Kritiker?

Die neue Wohnung werde ihm gefallen, hatte seine Frau Faride gesagt, worauf Sarkuhi antwortete: "Freut euch. Werdet glücklich dort. Und denk dran, Faride, laß die Kinder studieren." Ein Satz wie ein Abschied. Inzwischen hat Faride Zebardschad die neue Wohnung bezogen. Auf dem Teppichboden liegen noch Koffer und Plastiksäcke voller Kleidung herum. Möbel gibt es nicht, nur einen Fernseher und das Handy, das ständig griffbereit ist. Für den Fall, daß es Nachrichten aus dem Iran gibt.

Am Sonntag vor zehn Tagen sprach Sarkuhi jenen Satz aus, der seiner Frau, wenn sie ihn wiederholt, die Stimme bricht: "In dieser Woche wird sich mein Schicksal entscheiden." Am nächsten Tag blieb das Telefon stumm. Ebenso an den folgenden Tagen. Am Mittwoch vergangener Woche schließlich gab Faride Zebardschad der Berliner tageszeitung einen Brief ihres Mannes. Er hatte ihn Anfang Januar aus dem Iran geschmuggelt, versehen mit der Auflage, sie solle ihn erst "drei Tage nach meiner Verhaftung oder einen Tag nach meinem Tod" veröffentlichen.

Der Brief ist das Protokoll eines grauenhaften Martyriums. Auf vierzehn Seiten schildert ein Mensch, wie er seine eigene Hinrichtung überlebt. Kaum war er im November das erste Mal verhaftet, schreibt Sarkuhi, "setzten furchtbare Quälereien und Druck auf mich ein. Nie wird jemand meine moralische und psychische Verfassung begreifen können. Ich war zum Tode verurteilt - ohne jegliche Hoffnung. Ich war kein offizieller Gefangener, ich galt als verschollen. Meine Lage war anders als die jedes anderen Gefangenen, sogar eines zum Tode Verurteilten. Denn ein legal verurteilter Gefangener kann auf Gnade hoffen. Mein Tod aber war endgültig und unwiderruflich beschlossen. Ich habe den Schmerz und die Qual eines lebendig Begrabenen empfunden. Unter dem körperlichen und psychischen Druck brach ich zusammen. Ich war erledigt, ruiniert, vernichtet. Sie begannen mit dem Verhör." Und zwangen ihn zur Lüge, sagt Sarkuhi. Er habe gelogen, um schneller sterben zu können. Schließlich sei er, erneut um den Preis der Lüge, freigelassen worden, lebe seither wie zum Objekt erniedrigt und seinen Häschern zur endgültigen Exekution ausgeliefert.

Wenn das alles auch nur annähernd wahr ist, dann hat die traurige Tradition der Schriftstellerverfolgung im Iran einen neuen Höhepunkt erreicht, das deutsch-iranische Verhältnis dazu einen neuen Tiefpunkt. Die grausame Odyssee des Faradsch Sarkuhi begann am 3. November 1996, als er auf dem Teheraner Flughafen "verschwand", bevor er ein Flugzeug nach Deutschland besteigen konnte. Und sie endete keineswegs damit, daß der Schriftsteller 47 Tage später an derselben Stelle wiederauftauchte. Umringt von Geheimpolizisten, tischte er eilig herbeigerufenen Journalisten eine abenteuerliche Geschichte auf: Keineswegs sei er in Haft gewesen, wie alle Welt vermutet hatte, sondern in Deutschland; ein Einreisestempel aus Hamburg beweise es; er habe seine Kinder von dort zurückholen wollen und sich deshalb mit Juristen beraten; mit seiner Frau wolle er nichts mehr zu schaffen haben; ganz und gar privat sei seine Reise gewesen.