Fuzzy Seidel bläst auf. Um halb acht steht er neben dem orange Fangzaun, reibt sich die wintermorgenklammen Hände und zerrt an dem schlabberigen Stück Stoff, das im Schnee liegt. Er schleift einen langen Zipfel den Hang hinauf, sein Kollege zieht hinten. Jetzt schließen sie zwei Gebläse mit armdicken Schläuchen an. Das lila Gewebe bläht sich. Eine halbe Stunde später steht die aufgepumpte Riesen-Milka-Kuh über Fuzzy Seidel. Ein Ohr ist größer als ein Snowboard. Fuzzy geht aufrecht unter dem Bauch durch, ums Euter herum und spannt eine Befestigungsleine.

Eine Stunde später kommen auch die Snowboarder zur Startrampe im Pustertal. Sie fahren heute in Innichen, Südtirol, um die Weltmeisterschaft im Slalom. Betreuer massieren Oberschenkel weich. Ein Deutscher klebt das Logo seines Wachsherstellers aufs Brett. "Danke, das hat mich aufgebaut", sagt ein Südtiroler in sein Handy. "Aber jetzt" - sein Trainer fuchtelt - "muß ich starten." Ein Österreicher kratzt mit der Ziehklinge überschüssiges Wachs vom Belag.

Dieter Moherndl aus Oberbayern zieht seine Strickmütze tiefer. "Ten seconds to go", sagt der Starter. Moherndls Hände packen die beiden Griffe rechts und links der Startrampe. Hinten quillt seine blonde Matte unter der Mütze heraus. Der Fahrer katapultiert sich nach vorn. Mit dem Schienbein löst er die Zeitmessung aus.

Dieter Moherndl ist 29. Mit dem Snowboarden fing er an, "weil ich im Suff eine Wette verloren hab'". Heute ist er Profi. Bei Stürzen hat er sich einen Wirbel gebrochen und ein Kreuzband gerissen. Im Sommer hat er sich mit der deutschen Nationalmannschaft acht Wochen im Konditionstraining geschunden und an der TU München Leistungstests absolviert, "wie die Skifahrer". Im Herbst waren sie vier Wochen in Zermatt auf dem Gletscher, anschließend haben sie zwei Wochen in Kaprun trainiert. Für ein gewonnenes WeltcupRennen bekommt Moherndl 4400 Schweizerfranken, im Winter verdient er so viel, "daß es reicht, um über den Sommer zu kommen".

Fuzzy Seidel arbeitet im Sommer als Baggerfahrer im Ötztal. Jetzt fährt er, die zwei Zentner schwere Riesenkuh "Blessi" im Kofferraum, quer durch die Alpen. Wo der Wintersportzirkus gastiert, steht auch Fuzzy Seidel im lila Anorak: Er war in Val-d'Isére, nächste Woche geht's zur Bobbahn in St. Moritz und dann zur Ski-Weltmeisterschaft nach Sestriere.

Moherndl setzt den ersten Schwung an. Sein Brett schrappt über den Schnee, biegt sich unter der Bindung durch. Seine rechte Hand berührt die Piste. Mit dem Arm klatscht er die Kippstange weg. Moherndl trägt einen hautengen blauen Rennanzug und hat Plastikschützer vor die Schienbeine geschnallt. Vom Pistenrand ist der Snowboarder nur dadurch von einem Skirennläufer zu unterscheiden, daß ihm die Skistöcke fehlen.

Heute ist Mittwoch, und am Werktag verlieren sich keine 300 Zuschauer im Zielraum. Der Kindergarten von Innichen steht am Fangzaun und feuert an. Auf einer kleinen Stahlrohrtribüne stehen vier Mann vom Fanclub "Die geilen Böcke" und hupen. Nach zwei Läufen ist Dieter Moherndl Vizeweltmeister. Nur sein Mannschaftskamerad Bernd Kroschewski war fünf Hundertstel schneller. Bei der Siegerehrung setzt ein anderer deutscher Fahrer zur Sektdusche an. Im Überschwang stößt er das "Innichen"-Schild um, das die Veranstalter kameragerecht ans Podest gelehnt haben. Strengen Blicks vertreibt ein Offizieller den Snowboarder mit der Sektpulle, bückt sich und stellt das Schild wieder auf.

Als die deutsche Nationalhymne gespielt wird, sackt im Hintergrund Blessi in sich zusammen. Fuzzy Seidel läßt ihr die Luft raus. Die Vorderbeine machen schlapp, das lächelnde Maul liegt im Schnee. Treffender könnte die Entwicklung des Snowboardens gar nicht symbolisiert werden: Der Trendsport, der zum Lifestyle aufgeblasen wurde, schrumpft zu einer ganz normalen Sportart. Dem Hype entweicht die Luft, und bereits die zweiten Snowboard-Weltmeisterschaften zeigen fast alle Anzeichen des Leistungssports.

Im VIP-Zelt sitzen die Sieger in entspannter Runde. Vizeweltmeister Moherndl schwelgt in Erinnerungen an seine ersten Rennen. "Das war der beste bezahlte Urlaub: Da gab es den Liftpaß umsonst, Essen umsonst, und Party auch." Neben ihm sitzt einer, der diese Zeiten miterlebt hat. "Weißt du noch, die Semmelschlacht von Avoriaz?" erinnert der 29jährige Veteran den anderen.

Heute abend müssen Moherndl und Kroschewski noch eine halbe Stunde joggen und zur Massage. Morgen steht die Qualifikation für den Parallelslalom auf dem Programm. Paßt da das Image vom lässigen Snowboarder noch? Bernd Kroschewski, der Weltmeister, lächelt zartbitter und fragt zurück: "Welche Hausfrau fühlt sich schon von den Hochglanzmagazinen angesprochen?"

Im VIP-Zelt hängen zehn Jahre alte Photos von den ersten Snowboardrennen in Innichen. Eines zeigt einen Fahrer mit zotteligem Vollbart in dynamischer Schräglage. Heute ist der Bart ab, Karl Fritz Schmidhofer trägt eine Goldrandbrille und lehnt an einem der weißen Stehtischchen. Der Präsident des WM-Organisationskomitees fährt seit elf Jahren Snowboard. "Das Skifahren stimuliert nicht mehr - Piste rauf, Piste runter", sagt der Vierzigjährige. Doch er schwärmt nicht etwa von den langen, auf der Kante gefahrenen Schwüngen, ihn fasziniert nicht das Spiel des Snowboarders mit dem Körperschwerpunkt. Er sagt auch nicht, daß der Snowboarder mit schwierigen Schneeverhältnissen besser klarkommt als der Skifahrer. Er sagt: "Seit fünfzehn Jahren waren die Zahlen im Skisport rückläufig. Erst durch das Snowboard geht es wieder aufwärts."

Karl Fritz Schmidhofer hat in Innichen ein großes Sportgeschäft gebaut. Heute macht er mehr Umsatz mit Snowboards als mit Skiern. Die Bretter kosten zwischen 500 und 1200 Mark, ein Paar Schnallenstiefel, die hier Hardboots heißen, bis zu 700 Mark. Ganz zu schweigen von der Mode, wo das Understatement einer weit geschnittenen Jacke dem Fahrer schon mal 900 Mark wert ist. Und mancher Skifahrer, dessen enger Overall noch lange nicht aufgetragen wäre, geht ins Sportgeschäft und kauft sich Anschluß an die Jugend.

Weil Snowboarder ständig Partys feiern, hat der Veranstalter ein fußballplatzgroßes Festzelt aufgebaut. Zwischen dem Parkplatz und der Speckräucherei, damit die Musik nicht so stört. Jeden Abend ist hier Disco. Der Eintritt kostet 25 Mark, die Dauerkarte gibt's für 70 Mark. Unter drei Dutzend bunten Scheinwerfern spielt Fettes Brot. Im Publikum viele Girlie-Zöpfe, viele ausrasierte Kinnbärte. Nur ein paar Frauen über dreißig haben sich aufgestylt. Das brasilianische Nationalteam, vier Jungs in gelben Jacken, macht sich um die Völkerverständigung verdient. Bei Südtiroler Mädchen haben sie mehr Erfolg als auf der Piste.

Fuzzy Seidel trinkt Bier und schaut skeptisch zu den Jugendlichen, die nicht tanzen, aber auch nicht reden. Beim Rennen in Kreischberg, erzählt er, hat das österreichische Fernsehen gerade zwei Minuten live übertragen, als ein Snowboarder die Milka-Kuh rammte. Er erwischte Blessi am Vorderbein. Das Gewebe riß, die Kuh sackte vor laufenden Kameras in sich zusammen, und das sah blöd aus. Da nahm Fuzzy Seidel einen Strick, band das Bein ab und pumpte die Kuh wieder auf. "Jetzt kann man Blessi und Rosi leicht unterscheiden", sagt er, "weil Blessi geflickt ist."

Am nächsten Morgen zieht Fuzzy mit seiner Kuh zur Nachbarpiste um. Er stopft die Hüllen in lila Säcke, hievt sie auf den Anhänger eines Motorschlittens und bringt sie zur Halfpipe. Das ist eine 120 Meter lange und 15 Meter breite Schneerinne, die an beiden Seiten in drei Meter hohe Wände übergeht. 1500 Kubikmeter Kunstschnee haben die Freiwilligen vom Skiclub Innichen für die Halfpipe gebraucht. Eine halbe Kompanie italienischer Gebirgsjäger hat mit Schaufeln die Schneewände festgeklopft, Skilehrer sind so oft im Pflug die Röhre hinuntergefahren, bis sie glatt war.

Am unteren Ende steht das Häuschen für die sechs Kampfrichter und den Diskjockey, der den Wettkampf mit Musik von Rock bis HipHop unterlegt. Oben steht Blessi. Für Fuzzy Seidel ist dieser Wettbewerb schwieriger, weil sich 2000 Zuschauer um die Pipe drängen, darunter viele Kinder und Teenies. "Das ist fast so schlimm, wie wenn Schulklassen auf der Piste sind. Die hauen gegen die Schelle und ziehen an den Zitzen."

Das Halfpipefinale findet abends unter Flutlicht statt. "Einen Testapplaus für DJ Bernie", fordert Moderator Joseph Schoeninger. "Er sorgt dafür, daß die Boxen alles hergeben: volle Pulle, volle Kanne, volle Power." Der Moderator aus der Steiermark ist 28 und hat früher für die Populärwelle Ö3 Nachrichten gesprochen. Heute versteht er sich als "Promoter von Trendsportarten in der Öffentlichkeit". Vor acht Jahren stand er zum erstenmal auf dem Snowboard. Und seither, sagt er, "habe ich keinen Ski mehr angerührt". Für ihn ist das Snowboarden eine Jugendbewegung, in der Sport, Mode und Musik zusammenkommen. Doch der Erfolg der Bewegung höhlt sie aus. "Wir werden Mainstream", muß Schoeninger feststellen. Er bemüht sich, beim Moderieren wenigstens den kleinen Unterschied festzuhalten. Nie würde er bei einem Event das Wort "Athlet" in den Mund nehmen. "Das ist zwar ein athletischer Sport. Aber ein Snowboarder ist ein Rider."

Für ihn hat Snowboarden mit Individualismus zu tun: "Hat einer die gleiche Jacke wie ich, zieh' ich sie aus und werf' sie weg." Er trägt die schmale silberne Plastiksonnenbrille der Snowboarder, die billig aussieht, aber 200 Mark kostet. Die Jacke seines Sponsors ist lang, weit geschnitten und zurückhaltend dunkelblau. Sein dunkelblondes Haar trägt er halblang mit Mittelscheitel.

Snowboarden sei rebellisch, sagt Joseph Schoeninger, Ausdruck eines Lebensgefühls: "Ich mache das, was meine Eltern nicht machen." Seine Maxime: "Sich nicht zu sehr ins Gesellschaftssystem pressen lassen - ein bisserl oberhalb der Acht-bis-fünf-Uhr-Jobs surfen." Doch wenn die Snowboarder aus eingefahrenen Spuren ausbrechen, brauchen sie zwei Sattelschlepper, die Musikanlage und Boxen an den Pistenrand fahren. Ihre Freiheit besteht von Gnaden der Sponsoren: der Sportartikelindustrie, der Automobil- und Genußmittelkonzerne. Joseph Schoeninger moderiert PR-Veranstaltungen für Volkswagen und Porsche. Red Bull bezahlt ihn dafür, daß er beim Moderieren den österreichischen Energiedrink trinkt. Auch hier in Innichen, wo der holländische Konkurrent Tiger Shot sponsert, hat der Moderator brav Red-Bull-Dosen auf dem Biertisch vor dem Mikrophon stehen.

Sehen die Snowboardfunktionäre den Ausverkauf an die Sponsoren? "Wir wollen kein Biersport wie Fußball werden", erklärt ein Marketingexperte der International Snowboard Federation (ISF). Doch die ISF verkaufte ihre Rennen an den Whiskyhersteller Ballantines. Offensichtlich treffen sich Snowboarder und Sponsoren auf einer Ebene, auf der beide ihren Profit machen. Die Firma Audi, einer der Hauptsponsoren der Weltmeisterschaft, erkauft sich mit dem Trendsport eine "Verjüngung und Emotionisierung" ihrer Autos. Aber unkontrolliert wild und freakig soll das Image auch nicht sein, und so kommt die Ski-zoide Entwicklung der Trendsportler gerade recht. "Snowboard ist nicht mehr Hully-Gully und Haschischrauchen", stellt der Werbeleiter von Grundig zufrieden fest. Seine Tochter, die er zur Weltmeisterschaft mitgenommen hat, verdreht die Augen.

Im Halfpipefinale zeigen die acht besten Mädels und die sechzehn besten Jungs ihre Sprünge. Die meisten sind erst um die Zwanzig. Statt hautenger Rennanzüge tragen sie die weiten Snowboardklamotten, statt der harten Plastikschnallenstiefel bequeme Softboots, in denen man gut gehen kann. "Die passen besser zum Soul unseres Sports", erklärt der Moderator.

Anita Schwaller aus der Schweiz sitzt im Schnee und ratscht die Plastikriemen ihrer Bindung fest. Sie ist 21 und schmächtig, hat ein pickeliges Gesicht und das braune Haar hat sie mit einem breiten Stirnband streng nach hinten gedrückt. Sie nimmt schräg Anlauf und springt einen Meter über die Wand hinaus. Am Scheitelpunkt knickt sie die Knie ein. Eine Hand faßt das Board an der Kante. Die Bewegung erscheint eingefroren, die Schwerkraft für einen glücklichen Moment abgestellt. Die Wand runter, Anlauf zum nächsten Sprung an der linken Seite. Diesmal rotiert sie um die Körperachse. Photographen blitzen. Sie landet schräg auf der Kante der Schneemauer, die Arme im roten Wollpullover rudern um Gleichgewicht.

Für Anita Schwaller ist dieser Wettbewerb ein Kampf der Systeme. Sie startet für die ISF. Dieser Verband organisiert seit sechs Jahren Snowboardwettkämpfe und sieht sich als Hort der wahren, freiheitlichen Rider. Die Weltmeisterschaften in Innichen werden aber vom konkurrierenden Internationalen Skiverband (FIS) veranstaltet, der erst vor drei Jahren die erfolgreiche Disziplin Snowboard aufgenommen hat. Normalerweise würde Anita Schwaller nie bei einem FIS-Wettbewerb an den Start gehen. In ihren Augen ist die FIS eine Clique alter Funktionäre, die undemokratisch über die Köpfe der Sportler hinweg bestimmt. Die FIS sitzt jedoch am längeren Hebel. Wer nächsten Winter bei den Olympischen Spielen snowboarden will, muß sich über die FIS qualifizieren. Also gehen die ISF-Fahrer mit geballter Faust in Innichen an den Start.

Anita Schwaller springt einen Salto. Die Zuschauer johlen, Zahnspangen blitzen im Flutlicht. Noch einen Handplant, einen einarmigen Handstand auf der Schneemauer, dann fährt sie mit emporgereckten Händen über die Ziellinie. Die Kampfrichter, die je zur Hälfte von den beiden Verbänden kommen, erklären sie zur neuen Weltmeisterin.

Anita Schwaller pappt schnell einen großen ISF-Aufkleber auf ihr Board. Bei der Siegerehrung reckt sie dieses Bekenntnis stolz in den Nachthimmel. In der Halfpipe gehen alle Medaillen an ISFFahrer. Doch schon wieder erlebt das Publikum keine lockeren Snowboarder, sondern eine angespannte Weltmeisterin, die trotzige Interviews gibt. "Dieser Titel gibt mir nichts. Ich bin nur hierhergekommen, um FIS-Punkte zu sammeln, damit ich bei Olympia starten kann." Als der Kameramann einpackt, fällt die Anspannung von ihr ab. Entschuldigend sagt sie: "Man muß halt auch mal seinen Verband verteidigen."

Zum Wettbewerb im Snowboardcross zieht sich der Himmel zu. Nebel verhüllt die Dolomiten, ein kalter Wind pfeift durchs Pustertal. Fuzzy Seidel hat Blessi schon neben der zweiten Steilkurve bereitgelegt, aber der Wind bläst zu heftig. Mag die Werbeagentur, die Blessi betreut, diese auch als Werbefläche von morgen preisen - die Natur entscheidet heute gegen die Zukunft. Die Kuh kommt in den lila Sack.

Beim Snowboardcross starten vier Fahrer gleichzeitig. Sie fahren auf einem gemeinsamen Kurs, der mit Schanzen, Buckeln, Kurven gespickt ist, und dürfen jederzeit überholen. Die beiden ersten kommen eine Runde weiter. Diese Disziplin ist die erste, die Snowboarder nicht von anderen Sportarten übernommen, sondern selbst entwickelt haben. Für die Zuschauer hat das Spektakel den Reiz des Catch-as-catch-can. Für die Fahrer ist das Rennen so gefährlich, daß der Weltmeister im Parallelslalom auf den Start verzichtet, obwohl er mit 99 Kilo Kampfgewicht einen recht robusten Eindruck macht. Für die Organisatoren ist Snowboardcross eine Materialschlacht, bei der Schneekanonen, Pistenwalzen und Helfer kubikmeterweise Kunstschnee zu Hindernissen formen.

Gleich nach dem Start haben sie eine Schanze gebaut. Gleichzeitig heben vier Fahrer ab, zwei haben in der Luft Körperkontakt. Bei der Landung rammen sich ihre Bretter, der erste stürzt. Drei rasen weiter in die erste Steilkurve, springen über zwei in den Schnee gehackte Treppenstufen. In der nächsten Kurve verliert der Führende die Kontrolle über sein Brett. Der Zweite kann nicht mehr ausweichen. Sie prallen zusammen, der Däne wird mit dem Ackja abtransportiert.

Nach dem Vorkampf geht die Französin Karine Ruby ins VIP-Zelt. Eigentlich dürfen Sportler hier nicht rein, nur die Sieger. Draußen ist es immer noch grau und kalt. Ruby schnappt sich einen Hocker und läßt sich von ihrem Betreuer den Rücken massieren. "Für die Sportler gibt es nichts, wo sie sich aufhalten können", sagt der Betreuer. "Unser Hotel ist fünfzehn Kilometer weg. Für die Sponsoren haben sie dieses Zelt. Aber die wohnen doch alle in den Hotels gleich hier im Ort."

Wer noch ernsthaft an die rebellischen Snowboarder glaubt, der wird beim Parallelslalom nachhaltig erschüttert. Am Samstag um zwölf donnert die Kunstflugstaffel Frecce Tricolori der italienischen Luftwaffe im Tiefflug durchs Pustertal. In Keilformation fliegen die fünf Düsenjets fünfmal über Innichen und malen grünweißrote Streifen an den blauen Himmel. "Einen Applaus für die Frecce Tricolori", fordert Moderator Schoeninger. Eine Südtirolerin gewinnt den Parallelslalom, der Kommandant der Frecce Tricolori überreicht ihr eine Kristallvase und setzt dazu sogar seine Sonnenbrille ab. Der Dolomiten-Zeitung vertraut die Snowboardweltmeisterin an, daß sie mit dem Fliegerkommandanten am liebsten bei Kerzenlicht zu Abend essen würde.

Karl Fritz Schmidhofer, der WM-Organisator, sitzt bei Freibier im Warsteiner-Bus. Mit rotem Kopf und markigen Worten schwärmt er von diesem unvergleichlichen Höhepunkt: "Sonne - Südtiroler Sieger - Frecce Tricolori".