Heute ist Mittwoch, und am Werktag verlieren sich keine 300 Zuschauer im Zielraum. Der Kindergarten von Innichen steht am Fangzaun und feuert an. Auf einer kleinen Stahlrohrtribüne stehen vier Mann vom Fanclub "Die geilen Böcke" und hupen. Nach zwei Läufen ist Dieter Moherndl Vizeweltmeister. Nur sein Mannschaftskamerad Bernd Kroschewski war fünf Hundertstel schneller. Bei der Siegerehrung setzt ein anderer deutscher Fahrer zur Sektdusche an. Im Überschwang stößt er das "Innichen"-Schild um, das die Veranstalter kameragerecht ans Podest gelehnt haben. Strengen Blicks vertreibt ein Offizieller den Snowboarder mit der Sektpulle, bückt sich und stellt das Schild wieder auf.

Als die deutsche Nationalhymne gespielt wird, sackt im Hintergrund Blessi in sich zusammen. Fuzzy Seidel läßt ihr die Luft raus. Die Vorderbeine machen schlapp, das lächelnde Maul liegt im Schnee. Treffender könnte die Entwicklung des Snowboardens gar nicht symbolisiert werden: Der Trendsport, der zum Lifestyle aufgeblasen wurde, schrumpft zu einer ganz normalen Sportart. Dem Hype entweicht die Luft, und bereits die zweiten Snowboard-Weltmeisterschaften zeigen fast alle Anzeichen des Leistungssports.

Im VIP-Zelt sitzen die Sieger in entspannter Runde. Vizeweltmeister Moherndl schwelgt in Erinnerungen an seine ersten Rennen. "Das war der beste bezahlte Urlaub: Da gab es den Liftpaß umsonst, Essen umsonst, und Party auch." Neben ihm sitzt einer, der diese Zeiten miterlebt hat. "Weißt du noch, die Semmelschlacht von Avoriaz?" erinnert der 29jährige Veteran den anderen.

Heute abend müssen Moherndl und Kroschewski noch eine halbe Stunde joggen und zur Massage. Morgen steht die Qualifikation für den Parallelslalom auf dem Programm. Paßt da das Image vom lässigen Snowboarder noch? Bernd Kroschewski, der Weltmeister, lächelt zartbitter und fragt zurück: "Welche Hausfrau fühlt sich schon von den Hochglanzmagazinen angesprochen?"

Im VIP-Zelt hängen zehn Jahre alte Photos von den ersten Snowboardrennen in Innichen. Eines zeigt einen Fahrer mit zotteligem Vollbart in dynamischer Schräglage. Heute ist der Bart ab, Karl Fritz Schmidhofer trägt eine Goldrandbrille und lehnt an einem der weißen Stehtischchen. Der Präsident des WM-Organisationskomitees fährt seit elf Jahren Snowboard. "Das Skifahren stimuliert nicht mehr - Piste rauf, Piste runter", sagt der Vierzigjährige. Doch er schwärmt nicht etwa von den langen, auf der Kante gefahrenen Schwüngen, ihn fasziniert nicht das Spiel des Snowboarders mit dem Körperschwerpunkt. Er sagt auch nicht, daß der Snowboarder mit schwierigen Schneeverhältnissen besser klarkommt als der Skifahrer. Er sagt: "Seit fünfzehn Jahren waren die Zahlen im Skisport rückläufig. Erst durch das Snowboard geht es wieder aufwärts."

Karl Fritz Schmidhofer hat in Innichen ein großes Sportgeschäft gebaut. Heute macht er mehr Umsatz mit Snowboards als mit Skiern. Die Bretter kosten zwischen 500 und 1200 Mark, ein Paar Schnallenstiefel, die hier Hardboots heißen, bis zu 700 Mark. Ganz zu schweigen von der Mode, wo das Understatement einer weit geschnittenen Jacke dem Fahrer schon mal 900 Mark wert ist. Und mancher Skifahrer, dessen enger Overall noch lange nicht aufgetragen wäre, geht ins Sportgeschäft und kauft sich Anschluß an die Jugend.

Weil Snowboarder ständig Partys feiern, hat der Veranstalter ein fußballplatzgroßes Festzelt aufgebaut. Zwischen dem Parkplatz und der Speckräucherei, damit die Musik nicht so stört. Jeden Abend ist hier Disco. Der Eintritt kostet 25 Mark, die Dauerkarte gibt's für 70 Mark. Unter drei Dutzend bunten Scheinwerfern spielt Fettes Brot. Im Publikum viele Girlie-Zöpfe, viele ausrasierte Kinnbärte. Nur ein paar Frauen über dreißig haben sich aufgestylt. Das brasilianische Nationalteam, vier Jungs in gelben Jacken, macht sich um die Völkerverständigung verdient. Bei Südtiroler Mädchen haben sie mehr Erfolg als auf der Piste.