In Deutschland hat sich eigentlich nie jemand für mich interessiert", erklärte Jan Karski, emeritierter Professor für Osteuropakunde in Washington, als man ihn vor Beginn seiner Vortragsreihe anläßlich der deutschen Übersetzung seiner Biographie fragte, ob er bestimmte Städte aufsuchen oder bekannte Personen treffen möchte. Seine Vorträge erschütterten das Publikum. Am Ende entschuldigte sich der 82jährige, daß er so viel über sich selbst gesprochen habe.

Er habe das nur getan, weil er darum gebeten worden sei. Aus der Vergangenheit berichte er nur, wenn er damit etwas Sinnvolles bewirken könne.

Vierzig Jahre hatte er geschwiegen. Erst 1984 konnte der Regisseur Claude Lanzmann ihn zu einem Interview für seinen Dokumentarfilm "Shoah" überreden. Zwei amerikanische Journalisten und Historiker haben Karskis Lebensgeschichte aufgeschrieben. Elie Wiesel nennt sie im Vorwort "ein Meisterstück an Mut, Integrität und Humanismus".

Sein wirklicher Name war Jan Kozielewski. Er stammt aus einer bürgerlichen Familie in Lódz und wurde in polnischer Tradition streng katholisch erzogen. Hitlers Pakt mit Stalin und der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 unterbrachen seine vielversprechende diplomatische Karriere abrupt. Als Reserveoffizier geriet er in sowjetische und deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach gelungener Flucht schloß er sich der polnischen Untergrundbewegung an, fiel der Gestapo in die Hände und konnte erneut fliehen. Als Kurier für Sikorskys Exilregierung begann eine Mission, die sich als Schlüsselerlebnis seines Lebens erweisen sollte.

1942 erhielt Karski (so der Deckname, den er später auch in seinem amerikanischen Paß eintrug) vom "Büro für Information und Propaganda der Heimarmee" den Auftrag, die Alliierten über die deutschen Aktionen zur Vernichtung der Juden zu informieren. Im Juli schleuste ihn Leon Feiner, ein Funktionär des jüdischen Widerstands, durch einen unterirdischen Gang ins Warschauer Ghetto und zeigte ihm die Sterbenden und Toten.

Karski kehrte einige Tage später noch einmal zurück, denn sein erster Besuch war so traumatisch verlaufen, daß er seinem eigenen Gedächtnis mißtraute. Getarnt als ukrainischer Wachmann, schmuggelte er sich auch in eine "Selektionsanlage" für das Vernichtungslager Belzec. Mit erschütternden Beweisen für die Greueltaten der Deutschen, die als Mikrofilm in einem Schlüssel verborgen waren, gelang es ihm auf abenteuerlichen Wegen, sich über Berlin, Paris, Spanien und Gibraltar nach London durchzuschlagen. Dort empfingen ihn Mitglieder des britischen Kriegskabinetts, unter ihnen auch Außenminister Anthony Eden. Karski erlitt fast einen Schock, als er spürte, daß sein Bericht auf das Desinteresse der Politiker stieß. Er reiste in die USA weiter und traf im August 1943 mit dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt zusammen. Auch der schien nur an Informationen über die Organisationsstrukturen des Untergrunds interessiert zu sein und nicht am Schicksal der Juden. Karski erlebte die größte Enttäuschung seines Lebens und beschloß, nie wieder über das Erlebte zu sprechen. Zwar schrieb er 1944 einen Teil seiner Erlebnisse nieder ("The Story of a Secret State"), aber er verweigerte die Diskussion.

Historiker wie Walter Laqueur, Raul Hilberg oder David S. Wyman haben seit Beginn der achtziger Jahre dokumentiert, daß die Alliierten bereits vor dem Bericht Karskis aus verschiedenen Quellen detailliert über die deutschen Maßnahmen zur Judenvernichtung informiert waren (siehe auch Karl-Heinz Janßen: "Was wußten die Alliierten vom Holocaust?", ZEIT Nr. 5/97). Massive Rettungsaktionen für die von der Vernichtung bedrohten Juden, wie die von jüdischen Gruppen geforderte Bombardierung der Bahnlinien nach Auschwitz und die Zerstörung der Gaskammern und Krematorien wurden aus "kriegsstrategischen" Gründen verweigert. Am 7. Oktober 1944 gelang einer Handvoll verzweifelter Juden, wozu die Alliierten mit ihrer gewaltigen Militärmacht nicht imstande zu sein glaubten: die Sprengung eines der Auschwitz-Krematorien.