In Flann O'Briens schlitzohrigem irischen Kultroman "In Schwimmen Zwei Vögel" schreibt ein namenloser Möchtegernromancier einen Roman über Dermot Trellis, Inhaber des Hotels "Roter Schwan" und Möchtegernschriftsteller, der an mehreren Romanen arbeitet. Für einen davon erfindet Trellis die hübsche Sheila Lamont, die so proper gerät, daß ihr Autor ihren Reizen nicht widerstehen kann und sie vergewaltigt. Sheila stirbt im Kindbett, doch ihr Bruder Antony Lamont, von Trellis dazu ausersehen, die Schwester zu rächen, tut eben dies: Er verbündet sich mit anderen von Trellis erfundenen Figuren und stiftet den illegitimen Sohn von Trellis und Sheila an, seinerseits einen Roman zu schreiben, in dem Trellis von seinen Figuren übel zugerichtet und vor Gericht gestellt wird.

Mit O'Briens Buch ist Lamonts Rache aber nicht beendet. Lamont rächt sich an seinem wie an dessen Autor, indem er bekundet: "Die Idee eines Romans über einen Schriftsteller, der einen Roman schreibt, ist nun wirklich ein alter Hut." Natürlich darf Lamont das nicht in "Schwimmen Zwei Vögel" sagen, sondern er sagt es in Gilbert Sorrentinos nicht weniger schlitzohrigem und nicht weniger kultbuchtauglichem irischen Roman "Mulligan Stew", der 1979 bei der Grove Press, New York, und in dieser Woche im Maro Verlag, Augsburg, erschienen ist. Sorrentino seinerseits rächt sich, indem er Lamont zu einem Romancier in einem Roman macht. Bei Sorrentino ist Antony (oder, wie der Übersetzer unbegreiflicherweise schreibt: Anthony) Lamont ein Schriftsteller, der ebenso erfolglos wie unfähig ist, weswegen er sich und anderen einzureden versucht, er sei ein "Avantgardist".

Sorrentinos Lamont arbeitet an einem grauenhaft schlechten Manuskript, dessen Protagonisten wiederum bekannte literarische Figuren sind: Ned Beaumont stammt aus Hammetts "Gläsernem Schlüssel", und Martin Halpin blickt auf einen Ultrakurzauftritt als Fußnotengärtner in "Finnegans Wake" zurück. Beide sind sie vergrätzt über die peinlichen Dialoge, die pornographischen Exzesse und die widersprüchlichen Handlungen, die Lamont ihnen abverlangt, und so beschließen sie, ihrem Autor den Dienst aufzukündigen - auch eine Romanfigur hat schließlich ihr Berufsethos.

Lamont seinerseits hat noch mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen: Ein Literaturprofessor, der ihm anfangs Honig um den Bart schmierte, wird zusehends harscher in seinem Urteil über Lamonts Bücher eine Möchtegernlyrikerin, die Lamont einen Stapel fürchterlichster erotischer Gedichte zur Begutachtung vorgelegt hat, ist nicht das erotische Freiwild, das Lamont sich erhofft hat vor allem verliert er das Vertrauen in seine Schwester Sheila. Die hat ausgerechnet Lamonts Erzfeind geheiratet, einen Erfolgsschriftsteller, der (Flann O'Brien läßt dauergrüßen!) Dermot Trellis heißt und seine Karriere mit dem pornographischen Machwerk "Der rote Schwan" begründete. Lamont wird zusehends paranoider, glaubt sich einer weltumspannenden Intrige ausgesetzt ("Nabokov! Ich zweifele keinen Augenblick daran, daß er auch seine Hand im Spiele hatte beim Ruin meiner Karriere") und fürchtet am Ende gar, Trellis habe irgendwie in seinen eigenen Roman eingegriffen.

Das mag sich in dieser raffenden Abschilderung alles arg verwirrend anhören, doch wer sich den erheblichen Wonnen der Lektüre aussetzt, wird kaum Mühe haben, den Verwicklungen und Verweisen zu folgen: Sorrentino geht, was die formale Anlage seines Romans betrifft, sogar sehr viel stringenter und durchschaubarer zu Werke als der kauzige O'Brien. Wenn "Mulligan Stew" ein echtes Kabinettstück ist, eine der Bravourleistungen des Romans unserer Tage überhaupt, so liegt das denn auch weniger am Schachtelprinzip der aufbegehrenden Figuren im Roman im Roman, das, wie gesehen, bei seinem irischen Ahnherrn schon voll und ganz entwickelt ist. Die Entscheidung, in "Mulligan Stew" den Roman als Text pur zu inszenieren, geht ebenfalls noch nicht sehr weit über O'Brien hinaus. Auch dort nämlich finden sich einmontierte Briefe, Notizen und sonstige schriftliche Fundstücke aller Art, und Sorrentino hat das Verfahren nur radikalisiert, indem er auf den übergeordneten Erzähler ganz verzichtet: Alle Teile von "Mulligan Stew" geben sich als präfabrizierter Text, seien es nun Lamonts Romankapitel, Briefe oder Tagebucheinträge, seien es Halpins Notizen, seien es Texte von dritter Hand, die sich entweder in Lamonts Archiv finden oder die Halpin seinen Notizen als Beleg- un d Fundmaterial beigibt.

Das alles ist formal konsequent gehandhabt und trägt dazu bei, "Mulligan Stew" zu so etwas wie einem konkreten Roman zu machen - zu der "totalen Prosa" und zur "absoluten Realität der Fiktion", wie sie Sorrentino als sein Ziel benannt hat. Sorrentinos wahre schriftstellerische Virtuosität beginnt aber erst da, wo er stilistisch zum Chamäleon wird, das jede Prosafarbe annehmen kann und keine einzige seine eigene nennt. Qualitativer Höhepunkt der totalen Simulation, die "Mulligan Stew" darstellt, ist die simulierte Nichtqualität. Ganz so, wie es der zweite große Ahnherr dieses Romans, nämlich James Joyce, im "Ulysses" vorgemacht hat, exerziert Sorrentino gekonnt eine Fülle literarischer und nichtliterarischer Schreibweisen, die - und darin ist Sorrentino noch radikaler als Joyce - nur eines gemeinsam haben: Sie sind so entsetzlich schlecht, daß sie nur als Satire zu ertragen sind. Das gilt namentlich für Lamonts Romankapitel, mit denen uns Sorrentino ein ziemlich erschöpfendes Kompendium auktorialer Leerfloskeln ("Du brauchst nicht zu antworten, mein lieber Leser"), sprachlicher Klischees ("Ach! Oder wie man es einmal ausgedrückt hat: Wohin? Ins Vergessen!"), narrativer Umständlichkeiten ("Wir waren, wie ich angedeutet habe, eingetreten") und grotesker stilistischer Mißgriffe ("zu ausführlich ins gesellige Glas geschaut") an die Hand gibt. Ein Satz wie "O ja, Max kannte sich aus, mein Gott, was kenn ich mich aus, dachte er" ist selbst als Satire hart an der Grenze, und wir wollen nicht verhehlen, daß das Verfahren mitunter etwas überstrapaziert wird.

Die Stoßrichtung der Satire in "Mulligan Stew" ist vornehmlich der Jahrmarkt der literarischen Eitelkeiten: jene seltsam surreale Sphäre, in der dilettierende Autoren, aufgeblasene Kritiker und leseunfähige Lektoren an allem möglichen interessiert sind, nur nicht an Literatur. Das Glanzstück dieser Satire segelt als Flaggschiff vorneweg, denn das Buch beginnt nicht erst mit Vorsatz- und Titelblatt, sondern vorgeschaltet findet sich ein Packen Ablehnungsschreiben und Lektoratsgutachten über Sorrentinos "Mulligan Stew", die in ihrer ignoranten Borniertheit vermutlich nicht mal reine Erfindung sind - und daß selbst das lobende Lektoratsgutachten, das den Ausschlag für die Publikation gibt, aus den allerfalschesten Gründen lobt, ist leider nur zu branchenüblich.

Wenngleich der satirische Furor "Mulligan Stew" beinahe zur Pflichtlektüre aller Literaturbetriebler macht, wäre das Buch doch viel zu lang geraten, würde es sich darin erschöpfen. (Wer nur auf die Literaturbetriebssatire aus ist, ist mit Sorrentinos früherem Roman "Nehmen wir an, daß es wirklich stimmt" besser bedient.) Die Satire ist in "Mulligan Stew" nur Nebenprodukt der ebenso radikalen wie spielerischen Selbstreferentialität, die Sorrentino inszeniert. Obwohl er seinen Romanbaukasten so angelegt hat, daß er fast alle beliebigen Fremdpartikel aufnehmen kann und gesättigt ist mit Inventarien etlicher Welten von außerhalb, ist "Mulligan Stew" in sich selbst verschlungen wie ein Möbiusband und macht der Roman im Grunde nichts anderes, als unablässig auf das blanke Nichts in seinem Zentrum zu zeigen.

Als Leser kommen wir kaum umhin, dieses Zentrum ständig zu vermissen, denn im Unterschied zu Sorrentinos anderen Büchern, kompakt gebauten und straff gespannten Romanen wie "Steelwork" und "Die scheinbare Ablenkung des Sternenlichts", besteht "Mulligan Stew" aus nichts anderem als ausfransenden Rändern, die allein von Sorrentinos intellektueller Kälte zusammengehalten werden. Bei der Lektüre sorgt das trotz der spielerischen Virtuosität über weite Strecken für ein diffuses Unbehagen, das wir einfach aushalten müssen - das gehört zum Kalkül Sorrentinos, dessen Ziel nach eigenem Bekunden die "absolute Künstlichkeit" und die "totale Erfindung" ist.

Paradoxerweise tragen die unzähligen Zitate und Anspielungen, die Sorrentino in seine Textur verwoben hat, zu der puren literarischen Selbstbezüglichkeit sogar noch bei. Kaum eine Seite des Romans kommt ohne versteckten Querverweis auf die gesammelten Schriften von Joyce, von Flann O'Brien und von Sorrentino selber aus, vom Rest der Weltliteratur mal ganz zu schweigen - doch auch das gehört zum Spiel, das "Mulligan Stew" mit sich selbst spielt. Gewiß können wir den vielen immanenten Ebenen des Textes noch eine weitere hinzufügen, wenn wir wissen, daß Tom und Daisy Buchanan aus F.

Scott Fitzgeralds "Großem Gatsby" entlehnt sind (und daß Lamonts Lieblingsblume bei Flann O'Brien das Gänseblümchen, englisch daisy, ist), wenn wir merken, daß dem innerfiktionalen Autor Jacob, der Joyce nicht mag, mit seinem Buchtitel "Sublimer Maibock" ein (unwillentliches?) Joyce-Zitat unterläuft oder daß sich hinter den "Theorien von Da Salvi" der Wissenschaftler de Selby aus Flann O'Briens Romanen versteckt - uns entgeht aber nicht wirklich etwas, wenn uns das verborgen bleibt. Die literarischen Verweise sind Angebote und besagen nie wirklich etwas anderes als das, was der Text über sich selber sagt.

Einer der fiktiven Lektoren des Werks zitiert im Vorspann Gertrude Stein (die er freilich mit - ausgerechnet! - Galsworthy verwechselt) mit dem zutreffenden Satz: "Bemerkungen sind noch keine Literatur."

Bemerkungen sind immer Bemerkungen über etwas "Mulligan Stew" (das wir getrost MS abkürzen können) hingegen ist immer ein Manuskript über sich selbst: Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Der Leser, der noch Leser ist, hat ganz entschieden den Gewinn.

Gilbert Sorrentino:

Mulligan Stew

Roman aus dem Amerikanischen von

Joachim Kalka Maro-Verlag,

Augsburg 1997 611 S., 64,- DM