I.

Die Zeiten sind vorbei, in denen Jugend ein anderes Wort für Zukunft und Hoffnung war. Die Perspektiven junger Menschen haben sich geändert, die Dynamik steigender Erwartungen (Arbeit für alle, wachsender Lebensstandard, steigende Rente) ist umgeschlagen. Geändert hat sich auch, auf Grund abnehmender Zahlen, die Bedeutung der Jungen für die Politik. Alles in allem: Die gesellschaftliche Macht, die finanziellen Ressourcen und die öffentliche Aufmerksamkeit sind von der jungen zur älteren Generation gewandert.

Doch niemand scheint sich darüber aufzuregen. Keine Proteste. Keine Demonstrationen. Viele wundern sich über die so ruhige Generation der Jungen. Ist es die Ruhe vor dem Sturm? Keine der bisherigen Revolten hat sich ja vorher angekündigt, weder die studentische Protestbewegung in den sechziger Jahren noch die Jugendunruhen in Berlin, Zürich und anderswo Anfang der achtziger Jahre. In der Nachkriegszeit staunte man zunächst über die skeptische, zwanzig Jahre später dann über die narzißtische Generation, und heute möchte ein bewegter Mittfünfziger wie der Berliner Politologe Peter Grottian der Jugend am liebsten ex cathedra etwas Ungeduld und Aufruhr verordnen. In Politik und Öffentlichkeit finden junge Menschen erst dann Interesse, wenn sie ausbrechen, Angst und Schrecken verbreiten. Dann ist das Erstaunen groß: Was ist bloß mit der Jugend los?

Arm an Informationen, aber reich an Mythen - so könnte man das Bild beschreiben, das sich die Gesellschaft immer wieder von ihrer Jugend macht, im allgemeinen (hedonistisch, unpolitisch, wertvergessen) und besonders über die jungen Menschen im Osten der Republik. Diese befänden sich, so heißt es, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in einem sogenannten "Wertevakuum", seien dauerhaft geschädigt durch die bevormundende Krippen- und Kindergartenerziehung in der früheren DDR, und überhaupt: Als autoritäre Produkte einer autoritär-sozialistischen Gesellschaft, so das latente Mißtrauen im Westen, seien sie ein zweifelhafter Gewinn für die deutsche Demokratie.

Soviel zu den Mythen. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Jugendlichen in den neuen Bundesländern unterscheiden sich in ihren Wertorientierungen und Lebenszielen nur wenig von jenen im Westen. Sie haben häufiger als diese in ihren Familien einen "reifen Erziehungsstil" erlebt, das heißt, ihre Eltern haben ihnen emotionale Geborgenheit gegeben und klare Forderungen an sie gestellt. Die Gesellschaft der DDR hat nicht mehr autoritäre Persönlichkeiten hervorgebracht als die alte Bundesrepublik. Und wenn junge Ostdeutsche mit der real existierenden Demokratie härter ins Gericht gehen als junge Westdeutsche, so muß das nicht heißen, daß sie die Demokratie ablehnen, es kann auch darauf hindeuten, daß sie hohe Erwartungen an sie haben.

II.