Im Dezember vergangenen Jahres hatte Alphons Silbermann mit einem provokanten Beitrag eine Debatte über die Kommunikationswissenschaft ausgelöst. Der Streit hat in den zurückliegenden Wochen die Medienseite der ZEIT geprägt. Hier nun das Schlußwort des heftig angegriffenen Provokateurs, der sich auf zwei der vier Artikel bezieht.

Ich bin überaus glücklich, daß mein der ZEIT-Redaktion "untergejubeltes Pamphlet" - wie Stephan Ruß-Mohl vermeint - die Kollegen aus ihren Ordinariatsruhebetten aufgerüttelt hat. Es gereicht ihnen zur Ehre, sich gelehrig und zugleich ritterhaft vor ihre Wissenschaft zu stellen. Dabei wird allerdings mehr über Journalismus beziehungsweise Journalistik gesprochen als über Kommunikations- beziehungsweise Medienwissenschaft, obwohl diese universitäre Disziplin weder als Journalistenschule gedacht ist noch dazu dient. Aber das ist durchaus verständlich. Kommt uns doch die Kollegin Irene Neverla - wohl zur Selbstbestätigung des Faches und, wenn möglich, auch ihrer selbst als Direktorin eines "Instituts für Journalistik" - mit der Behauptung daher, daß mehr als 10 000 junge Menschen Kommunikationswissenschaft studieren, und zwar vorrangig Journalismus. Und warum tun sie dies? Glauben sie wirklich, der Nachweis eines Studiums der Kommunikationswissenschaft wäre behilflich, um bei Zeitungen, beim Rundfunk oder Fernsehen Karriere zu machen? Vor allem dann, wenn sie - wie Irene Neverla schreibt - einer "Vielfalt von theoretischen Konzepten", eben den von mir angesprochenen Marotten, ausgesetzt werden oder gar dem "Zeitgeist unserer Kultur, also auch der Medien", die gemäß den Weisheiten der Kollegin von "Ökonomisierung und Technikfaszination geprägt ist".

Auch der Kollege Ruß-Mohl hat es mit dem Journalismus beziehungsweise den Journalisten. Er läßt uns wissen, was es da an Forschungen und Kontroversen gibt, die sich mit dem Ethos, dem Verhalten, dem Einfluß sowie der Stellung dieser unzügelbaren Bande gegenüber den Medien befassen. Ich finde das prächtig und hoffe nur, daß sich die Leser, vor allem aber die Medienjournalisten sofort auf die diesbezüglichen Veröffentlichungen stürzen werden. Denn hier beginnt das Lamento von Professor Ruß-Mohl, indem er mit beeindruckender Offenheit feststellt und moniert, daß die Medienjournalisten von allen diesen mit wissenschaftlicher Akribie erarbeiteten Veröffentlichungen und erst recht von der Kommunikationsforschung "schlichtweg nichts wissen wollen".

Hier klopft Ruß-Mohl an der eigenen Türe. Meint er doch, daß es den Fachkollegen an Kommunikationsvermögen mangele, daß sie, diese Kommunikationsforscher, erst einmal selbst kommunizieren lernen müssen. Das mag ein Grund dafür sein, warum von ihnen und ihren Arbeiten wenig, wenn gar keine Notiz genommen wird, warum kaum einer von ihnen zu den vielen allwöchentlichen Tagungen und Kongressen als Redner eingeladen wird. Ein anderer, von meinen Kollegen übergangener Grund ist nach meinem Erachten dort zu suchen, wo einem ihr marottenhafter Sprachduktus, kraß gesagt, auf den Wecker geht. Oder läßt sich mit Aussagen "kommunizieren", die, etwa von computervermittelter öffentlicher Kommunikation als einer Verknüpfung von Sprache, Schrift und Bild sprechend, hierfür als Beweis "die Kontingenz und Divergenz unserer tradierten Muster der Welterzeugung" anführen?

Bemerkenswert ist bei den Beiträgen von Frau Neverla und Herrn Ruß-Mohl, daß sich beide Medienwissenschaftler an die Rockschöße der Demoskopin Professor Elisabeth Noelle-Neumann hängen. Ich nehme an, dies sind Dankesbezeugungen gegenüber einer "grande dame", wie Stephan Ruß-Mohl sie nennt, alldieweil sie mit ihrem Buch "Die Schweigespirale" so manchem Kommunikationswissenschaftler ihren Segen erteilt hat. Ob dieser wünschenswert ist, mag dahingestellt bleiben, wenn zum einen die gerne verschwiegenen Tätigkeiten dieser gewiß einflußreichen Kommunikatorin während des Naziregimes meinen Kollegen bekannt wären und zum anderen, wenn sie die herbe Kritik sowohl an Noelle-Neumanns deutschnationaler Haltung als auch an ihrer "Schweigespirale" in der angesehenen amerikanischen Zeitschrift Commentary zur Kenntnis genommen hätten.

Ich darf mir als der von Frau Neverla als "ungeliebter Außenseiter" Bezeichnete erlauben, ihr, der Innenseiterin, ebenso Herrn Ruß-Mohl die Sprichwort-Verballhornung zurufen: "Wie man sich bettet, so schallt es heraus", auf daß sie nicht der Versuchung anheimfallen, ihre Wissenschaft als L'art pour l'art zu betreiben.