Geht am Ostseestrand spazieren, der Mann, die Haare im Wind, grau das Meer, grau der Schädel, grau die Windjacke. Dazu ein paar Sätze aus dem Off, aus dem Stegreif, aus der Erfahrung: "Leben bleibt anstrengend bis zum Schluß . . . Man muß weiter unterwegs sein und sich nicht vom Alter einschüchtern lassen."

So beginnt ein Film über Armin Mueller-Stahl, den Vera Tschechowa im Herbst für Arte gedreht hat: "Jetzt ist Sonntag angesagt" - ein kluges, genaues Portrait des großen Kollegen, der im zarten Alter von 65 Jahren zu neuen Ufern aufgebrochen ist. An diesem Donnerstag kommt Armin Mueller-Stahls Regie-Debüt "Gespräch mit dem Biest" in unsere Kinos. Doch davon später.

Vor dreizehn Jahren haben beide, Vera Tschechowa und Armin Mueller-Stahl, in meinem ersten Kinofilm "Tausend Augen" gespielt. Neun Jahre und elf Filme später hat Mueller-Stahl der Titelfigur meines Films "Rotwang muß weg!" seine Stimme gegeben. Das muß hier gesagt werden.

Achtung: Der folgende Text ist keine Filmkritik. Mit etwas Glück könnte er so etwas werden wie die Beschreibung eines fernen Freundes, den ich selten sehe. Oder doch wenigstens der Willkommensgruß an einen neuen Kollegen.

Vera Tschechowa und Armin Mueller-Stahl haben sich in Sierksdorf getroffen, an der Ostsee, dem Meer von Armin Müllers Kindheit.

Sein Vater, ein Bankbeamter mit dem gewöhnlichsten aller deutschen Namen, legte sich den Doppelnamen mit der aparten Schreibweise zu, um seine bürgerliche Familie in den Augen des baltischen Adels aufzuwerten. Am 17. Dezember 1930 ist Armin als schlichter Müller in Tilsit zur Welt gekommen. Den größten Teil seiner Kindheit verbringt er in der Nähe von Königsberg. Als er nach dem Krieg Musik studiert (Geige und Musikwissenschaft) und 1949 sein Hochschulexamen als Musiklehrer ablegt, heißt er schon lange Mueller-Stahl. Mit dem Schauspielunterricht hat er weniger Glück. Nach einem Jahr muß er wegen "mangelnder Begabung" abbrechen.

Den Ostpreußen sagt man einen gehörigen Eigensinn nach, eine Dickschädeligkeit, die mitunter ins ganz und gar Unvernünftige spielt. Mueller-Stahl scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, diese Vorstellung vor- und nachzuleben. 1976 - da war er längst, neben Manfred Krug, das Schauspieler-Idol der DDR - unterschrieb er, wie viele, die Biermann-Petition und nahm sich selbst aus der Konkurrenz. Da hatte er viel zu verlieren: seinen Ruf als James Bond des DDR-Fernsehens (in den Serien "Das unsichtbare Visier" und "Flucht aus der Hölle"), gar die Aura des kommenden Western-Stars im fünften Defa-Cowboy- und-Indianer-Film "Tödlicher Irrtum". Eine Signatur zur falschen Zeit, und die Karriere des populären Schauspielers war vernichtet.