Domshof ist der größte Platz der Bremer Altstadt. In den wuchtigen Häusern ringsum residieren Banken. Mit fader grauer Fassade riegelt das Verwaltungsgebäude der Vulkanwerft die Nordseite ab. Ein täglicher Markt nimmt dem Areal etwas von seiner leeren Weite. Im Pflastermeer sucht der Fremde vergeblich einen bestimmten Stein. Etwas größer und dunkler als die anderen, durch ein Kreuz geviertelt, zeigt ihn die Abbildung im Prospekt des Verkehrsvereins - dem Suchenden fallen nur immer wieder die Gullydeckel mit dem Wappen der Freien Hansestadt ins Auge. "Irgendwo da drüben", meint die Marktfrau, "aber gesehen habe ich ihn auch noch nicht." Eine Runde mehr über den Platz - Fehlanzeige. Der Korbstuhlhändler kennt sich schließlich aus.

Auf dem Stein liegt eine dicke Speichellache. Seit 165 Jahren wird das Pflaster hier nicht trocken. Eine Weile lauert der Fremde, ertappt aber keinen Spucker, um nach einer Begründung zu fragen.

Vielleicht sind es gar nicht die Einheimischen, die das Ritual pflegen, sondern Touristen, die hierher geführt werden? Oder jemand, der die Reisenden nicht enttäuschen will, ein Angestellter des Verkehrsvereins vielleicht?

In Bremen kennt sie jeder, wie den Roland und die Stadtmusikanten.

Generationen von Schulkindern hat es bei ihrer Geschichte gegruselt.

Gesche wird sie vertraulich genannt. Am Spuckstein erhob sich am 21. April 1831, einem Donnerstag, das Blutgerüst, auf dem Gesche Gottfried per Schwertstreich geköpft wurde - für fünfzehn Morde mit Arsen und wenigstens neunzehn Vergiftungen. 35.000 Zuschauer drängten sich auf dem Platz und an den vermieteten Fenstern der umliegenden Häuser fast die ganze Stadt also, die damals 40.000 Einwohner zählte. Die Taten des "Ungeheuers" verbreiteten "ihre Schauder über das ganze gebildete Europa, ja nach China und Amerika", notierte ein Zeitgenosse.

Der Spuckstein ist eine der wenigen Stätten, die an Michael Christoph Gottfrieds Witwe Gesche Margarethe, geborene Timm, erinnern, wie sie in der Prozeßakte heißt, die Miltenbergin (während ihrer ersten Ehe), Tante Gottfried (zur Zeit ihrer Verhaftung), Gesina, wie sie sich selbst nannte, oder Sienchen (für Freundinnen und Liebhaber).

Zwei Wochen nach der Exekution verewigte ein namenloser Steinsetzer in unbekanntem Auftrag die Stelle des Hochgerichts. Ihr Geburtshaus, das Haus, in dem sie aufwuchs, das, in dem sie die meisten ihrer Verbrechen verübte, sind untergegangen, vernichtet von den Bomben des Zweiten Weltkriegs.

Gesches Vater betrieb eine Schneiderwerkstatt in der Straße Tiefer - heute eine laute, katzenkopfgepflasterte Ringstraße entlang der Weser, gesäumt von Bürogebäuden der Nachkriegszeit. Gleich dahinter liegt das Schnoor-Viertel, dessen Geschachtel schmaler und schiefer Gassen eine Ahnung erhält von der Stickigkeit des Stadtlebens vor 200 Jahren. Damals umfaßte Bremen lediglich den heutigen Innenstadtbereich und die jenseits der Weser gelegene Neustadt. Allenthalben herrschte drangvolle Enge wie in den Gassen um die Schnoor (Schnur) während der Hochsaison für Touristen.

"Die Straßen waren oft durch einen einzelnen Wagen so ausgefüllt, daß selbst den Fußgängern der Durchweg erschwert ist", beschrieb ein Arzt die Zustände - einer jener Ärzte, die von Gesche blamiert wurden.

Ein Dutzend Doctores hatte die Leichen untersucht, mancher mehrmals ihre Opfer während des Siechtums behandelt. Fünfzehn Jahre lang diagnostizierte kein einziger richtig. Und es waren nicht irgendwelche Kurpfuscher, die Gesches schönen Reden trauten, sondern die erste Garnitur der Ärzteschaft. Eine Tafel an der Hausecke gegenüber dem heutigen Gerichtsgebäude zeigt den Geburtsort von Senator Dr. Olbers an, der sich als Mediziner nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte. Mit Gesche war er erstmals beim Tod ihres fünfjährigen Sohnes Heinrich in Berührung gekommen. Als das Kind starb, ging das Gerücht, es sei vergiftet worden. Gesche bat Olbers, die Leiche zu öffnen er stellte eine "Darmverschlingung" fest. Später, beim Tod ihres zweiten Gatten konsultiert, war er ebenso ahnungslos.

In den Wallanlagen, einem breiten Parkstreifen um die Altstadt, steht der Doktor in antikem Gewand auf einem Sockel. Gewürdigt wird er für seine Leistungen als Astronom, die Entdeckung dreier Planetoiden.

Im Jahr 1813 beging Gesche ihren ersten Mord. Sie war achtundzwanzig, seit sieben Jahren verheiratet und dreifache Mutter, als sie ihren ersten Mann, den Sattlermeister Miltenberg, umbrachte. Er war in der Pelzerstraße ihr Nachbar gewesen.

Alliierte Bomben haben die Gegend ausradiert. Die heutige Pelzerstraße verläuft parallel zur Lloyd-Passage, dem Konsumzentrum der Altstadt.