BERLIN. - Während alle Welt immer nur von der Mauer in den Köpfen redet, bleibt das zweite große Bauwerk des geteilten Deutschlands weiterhin unbeachtet: die Mauer in den Zwerchfellen. Renate Holland-Moritz ist ein prima Beispiel. Da, schon passiert. Denn im Ostteil der Republik sagt sich der lesende Leser an dieser Stelle: "Mensch, die Kino-Eule!" Der Westleser, egal, wie belesen, fragt hingegen: "Hä?"

Dabei ist Renate Holland-Moritz eine bekannte Autorin. Seit 1956 schreibt sie für den Eulenspiegel, das vormals einzige Satiremagazin der DDR. Für die satirisch unterernährten Ostbürger war der Eulenspiegel mit seinem Spott-Monopol Objekt der Begierde, des Tausches und der Bestechung. Sticheleien und Kritisches über die realen Zustände des Sozialismus - der Eulenspiegel druckte, immer knapp am Zensor vorbei, was sonst in der DDR nicht druckbar war. Dazu gehörten auch die Glossen, Kurzgeschichten und Filmkritiken ("Kino-Eule"), die Renate Holland-Moritz zum Star machten. Aber eben nur im Osten.

Der Dietz-Verlag hat jetzt in Berlin einen neuen Band mit Humoresken von ihr herausgebracht. "Der Trickbetrüger", eine Sammlung von kurzen Texten aus dem Eulenspiegel, trägt den Untertitel "Darüber lachte man in der DDR während der siebziger und achtziger Jahre".

Und genau das, nämlich worüber man in der DDR lachte, dürfte einen größeren Lacherfolg des Buches westlich der Zwerchfellmauer verhindern.

Die Satire von Renate Holland-Moritz sind liebenswürdige Vignetten über kleine alltägliche Zwischenmenschlichkeiten im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Da gibt es den gewitzten Hausmeister, der sich an den Wodkavorräten der Büroarbeiter vergeht. Oder eine Masseuse, die in einem verklatschten Büro erst für Frieden und dann für Un-

frieden sorgt. Ein Filmteam muß auf politische Anweisung eine aufwendige Szene nachdrehen und sie nachher auf politische Anweisung wieder aus dem Film schneiden. Menschliches, aber nie Allzumenschliches aus der DDR: Nicht das System wird auf die Schippe genommen, sondern der eigensinnige oder gedankenlose Unfug, den manche seiner Bürger damit treiben.