Als der große Schornstein fallen sollte, stand der Bergmann Norbert Dunke ganz oben auf der Bergehalde und hielt seinen Photoapparat schußbereit.Im Sucher sah er die übermächtige Zeche, die damals Ewald Fortsetzung hieß, und drum herum diese kleine Stadt, die den merkwürdigen Namen Oer-Erkenschwick trägt. Der Schornstein maß siebzig Meter und hatte erheblichen Anteil daran, daß der Himmel über Oer-Erkenschwick oft so vergilbt war wie eine alte Tapete.Sechs Kilo Sprengstoff der Sorte Amongolit-3 waren jetzt an seinem Fuß angebracht.Als es knallte, drückte Norbert Dunke den Auslöser.Der Kamin kippte erst steif zur Seite, krümmte sich dann wie ein Baum im Sturm und zerbröselte in einer rotbraunen Staubwolke.Dunke sah den Schutthaufen und fühlte sich "beschissen". Er steht jetzt, zwölf Jahre später, wieder ganz oben auf der Bergehalde. Unten liegt die Zeche, drumherum die kleine Stadt.Ohne Schornstein sieht die Zeche schwächlich aus, amputiert.Sie ist ein Krüppel, zudem so gut wie tot.Die Schornsteine sind weg, die Kokerei ist weg, das Kraftwerk, die Kühltürme, die Gasometer, das Stickstoffwerk. "Traurig", sagt Dunke, "sehr traurig." Der Förderturm über Schacht 1 steht noch, eine quadratische Säule aus Stahlbeton, 79 Meter himmelwärts strebend.Egal, von wo man kommt, der Förderturm ist das erste, was man von Oer-Erkenschwick sieht.Aber er fördert nichts. Stille.Nichts rührt sich auf der toten Zeche.Auch Dunke schweigt. Er schaut hinunter und denkt sich was.Dann taucht ein Mann auf, geht vorbei an den verkommenen Hallen, wo früher Maschinen standen und die Kohle gewaschen wurde.Er ist winzig klein.Oder andersherum: Die Zeche ist immer noch ein Riese.Plump und ungerührt hockt sie in Oer-Erkenschwicks Mitte. Was macht ein Mann auf einer toten Zeche?"Bewetterung", sagt Dunke."Ein paar Leute sind noch hier und sorgen für die Bewetterung." Die Zeche ist nicht ganz tot.Sie ist Teil der Verbundbergwerks Blumenthal/Haard, und von hier wird, könnte man unbergmännisch sagen, für gute Luft unter Tage gesorgt. "Früher", sagt Dunke, "fuhren hier 4000 Kumpel an, und 5000 Tonnen Kohle wurden jeden Tag gefördert."Jetzt kommen manchmal Rehe auf die begrünte Bergehalde und genießen die Ruhe. Aber Oer-Erkenschwick ist noch immer eine Bergbaustadt und nichts anderes.Sie hat diese Geschichte, an der gelebte Traditionen hängen und die Gedanken der Einwohner.Hier leben noch immer 1370 Bergleute, die auf Blumenthal/Haard arbeiten.Und hier stehen die Reste der Zeche und warten stur auf eine neue Chance, trotz der Krise. Die Krise. 220 000 Menschen demonstrierten am vergangenen Freitag gegen ein Auslaufen der Subventionen für den Steinkohlebergbau, der jährlich zehn Milliarden Mark vom Staat braucht, um leben zu können.Noch in diesem Monat soll darüber entschieden werden. Das Ruhrgebiet bangt.Oer-Erkenschwick bangt. Am Anfang dieses Besuches in Oer-Erkenschwick stand der Gedanke, diese Stadt mit ihrer verkrüppelten, aber nicht leblosen Zeche könne beispielhaft sein für den Niedergang des Bergbaus und für den außerordentlich erfolgreichen Versuch, diesen Niedergang zu bremsen, beispielhaft auch für eine unbeirrbare Hoffnung auf Zukunft und deren lähmende Kraft. Da war aber auch der Gedanke an Ernst Bösel, der in Oer-Erkenschwick gelebt hat und Bergmann war.Die Zeche, die damals Ewald Fortsetzung hieß, hat ihn ernährt, auf dieser Zeche wurde sein Gesicht zertrümmert, und wegen dieser Zeche mußte er qualvoll sterben.Ernst Bösel war mein Großvater. Ich kenne Oer-Erkenschwick schon lange und fand es immer häßlich. Es hat aber auch etwas, wie das Bergwerk so zentral und herrschaftlich in der kleinen Stadt thront."Andere haben eine Kirche in der Mitte", sagt Clemens Peick, der Bürgermeister von Oer-Erkenschwick, "wir haben die Zeche." Im Schatten der Zeche stehen Rathaus, Postamt und die beiden Kaufhäuser, die klotzig sind und äußerlich mißglückt wie der Berliner Platz insgesamt, wo viel steht, aber nichts zueinander paßt, die Schweinsplastiken nicht zu der altertümlichen Uhr, die Fassaden der Kaufhäuser nicht zueinander und auch nicht zu den anderen Gebäuden.Wurschtig wäre ein Wort für diesen Platz. Gut 30 000 Einwohner hat Oer-Erkenschwick, und ein Großteil lebt in Zechensiedlungen, wo einer wohnt wie der andere, in schmucklosen Behausungskartons, meist für zwei Familien, mit kleinen Fenstern und grauer Fassade, auch schwarzer Fassade, wenn die Häuser so stehen, daß der Wind den Ruß von der Zeche herübergetrieben hat. In Oer-Erkenschwick ist es schwer, den Klischees vom Ruhrgebiet auszuweichen.Hier ist es äußerlich noch so, wie man es sich immer vorgestellt hat, bis auf den Himmel natürlich.Der kann schon seit längerem blau sein wie, ja, wie zum Beispiel der Freizeitanzug, den Friedhelm Löffler heute trägt, und der ist ungemein blau. Löffler ist auch ein Klischee.Er züchtet und schickt Tauben, war Bergmann und bezieht mit 57 Jahren eine Rente, was im Ruhrgebiet einer Menge Leute so geht, auch noch jüngeren.Insofern paßt der Freizeitanzug, der einen großen und schweren Körper umhüllt, ganz zu Löfflers Lage.Freizeit ist immer. In seinem Zechenhaus wohnt Löffler, wie viele in Oer-Erkenschwick wohnen.Wer auf dem Pütt war, ist ein guter Handwerker, und diese Fertigkeiten fließen dann mit den Jahren und der abnehmenden Arbeitszeit in den Umbau der eigenen vier Wände.Kombiniert werden Kacheln, Holz und Klinker, und zusammen mit Möbeln im Barock von Gelsenkirchen entsteht eine schwermütige, etwas dustere Heimeligkeit. In dieser Umgebung hat sich Löffler ein Museum des eigenen Lebens geschaffen, mit seinen Taubenpokalen und Devotionalien des Bergbaus wie Steigerstöcken, Arschleder oder dem sehr beliebten glanzlackierten Kohlebrocken, den ein Miniaturkumpel mit dem Abbauhammer bearbeitet. Wenn man da so sitzt, Bier trinkt und Löffler mit "dat" und "wat" und einer krachenden Stimme seine Taubengeschichten erzählt, dann erlebt man Ruhrgebiet pur, wenn auch das alte, das aussterbende Ruhrgebiet.Mit jenem Augenleuchten, das vor allem die Erinnerung an sogenannte bessere Zeiten hervorbringt, erzählt er von den Samstagen, als sich die Taubenväter einen Tisch auf die Straße stellten und Skat spielten, bis die erste Taube nach langer Reise am Himmel auftauchte.Doch dann verschwindet das Augenleuchten, und Löffler sagt, daß er jetzt nur noch einsam hinter der Gardine stehe und auf seine Tauben warte, weil da niemand mehr sei in seiner Straße, mit dem er das Glück der rennmäßigen Taubenhaltung teilen könne.Der Zibulski, der Voss, alle weg, und die Neuen hier, die beschweren sich, wenn sie abends gemütlich am Grill sitzen und Löffler mit seinen Tauben trainiert, weil die Tauben im Flug hin und wieder, sagt Löffler, "was unter sich lassen", und da habe man heute kein Nachsehen mehr , sollte das dann auf Köpfen oder Koteletts landen.In Oer-Erkenschwick sind von einst 223 Taubenvätern, die ihre Vögel auf Reisen schicken, nur 74 geblieben. Hart waren sie natürlich auch, die besseren Zeiten, weil sich die Kumpel unter Tage schwer schinden mußten, wovon Löffler auch eine Menge zu erzählen weiß.Man kann das alles als Anekdoten eines sentimentalen Mannes aufnehmen, aber tatsächlich steckt mehr dahinter.Es geht um Emotionen und Erinnerungen, und die spielen bei der Frage nach dem Sinn eines deutschen Steinkohlebergbaus eine große Rolle.Das Problem der Bergbaulobby ist, daß die Zahlen gegen sie sind.Deshalb redet sie nicht gerne über Za hlen.Sie redet lieber über Emotionen und Erinnerungen.Städte wie Oer-Erkenschwick, Männer wie Friedhelm Löffler sind voll davon. Wenn also Löffler hört, daß ein Land wie Bayern vorschlägt, die Kohlesubventionen drastisch zu kürzen, dann erinnert er sich daran, wie sie auf Ewald Fortsetzung in den fünfziger Jahren rangeklotzt sind, damit die "Bayern keinen kalten Arsch kriegen".Er erinnert sich auch daran, daß es überhaupt die Kumpel waren, die "Deutschland wieder hochgebracht haben". Er ist ein einfacher Mann, der nicht viel Einfluß hat, aber er ist auch ein Wähler, und es finden sich immer Politiker, die das sagen, was er sagt.Und er lügt ja nicht.Es stellt sich aber die Frage, ob man den Bergbau deshalb auf ewig subventionieren muß. Wenn aber diese Frage auch nur vorsichtig und in abgeschwächter Version angesprochen wird, kochen gleich die Emotionen hoch."Kahlschlag", heißt es dann."Kahlschlag." - "Die Lichter gehen aus."Als Enkel eines Bergmannes, als Journalist, der hin und wieder im Ruhrgebiet zu tun hat, kennt man das seit beinahe dreißig Jahren.Auch Löffler kann so reden, was ja mehr als verständlich ist.Nur sieht es in der Realität doch ein wenig anders aus. Die Arbeitslosenquote in Oer-Erkenschwick liegt bei 16 Prozent. Bergmänner gehören nicht dazu.Es ist noch nie ein Kumpel, wie man hier sagt "ins Bergfreie gefallen", sprich: im klassischen Sinn arbeitslos geworden.Zwar wurde die Zahl der Bergleute von 1957 bis heute von 600 000 auf 90 000 reduziert, aber das wurde sehr gut abgepolstert. Die Frührentner des Bergbaus müssen nicht darben, bekommen bis zum normalen Rentenalter bis zu 85 Prozent ihres letzten Nettogehalts, also weit mehr als Arbeitslose.Und eigentlich ist Löffler auch ganz froh, daß er Zeit hat für seine Tauben und die immer wieder anfallenden Um- und Erweiterungsbauten.Andere allerdings kommen nicht so gut damit klar. Wenn man aber bedenkt, daß andauernd und in großer Zahl Arbeitsplätze abgebaut werden, ohne jene Rücksicht, die den Bergleuten immer zuteil wurde, dann stellt sich die Frage, ob man im Ruhrgebiet eigentlich Grund hat, immer das Schlimmste zu befürchten? Außer den Bauern weckt niemand so gut Emotionen wie die Kumpel. Wenn sie mit ihren rußschwarzen Gesichtern in die Kameras schauen und ihre Geschichten erzählen, die Erinnerungen an früher, die Emotionen von heute, dann wirkt das.Nicht zufällig haben sie einen Freund in Helmut Kohl, der Politik gerne aus dem Bauch heraus betreibt. Am Ende unseres Gespräches zeigt mir Friedhelm Löffler, der Vorsitzender des Brieftaubenzuchtvereins Siegespalme ist, seinen Taubenschlag, den er selbstverständlich eigenhändig gezimmert hat.Hier kracht seine Stimme plötzlich gar nicht mehr, und der Mann wirkt weder groß noch schwer, sondern wie ein kompaktes Bündel Zärtlichkeit. Als sich Vierachtundfünfzig, seine schnellste Taube, eine Erdnuß von seinen Lippen holt, darf man darin wohl einen scheuen Kuß sehen. Es ist wieder einer dieser Momente, in denen das Ruhrgebiet zeigt, wie liebenswert es sein kann.Wobei man als Enkel und Neffe von Bergmännern aus Oer-Erkenschwick allerdings weiß, daß dies aus der Ferne viel eher so wirkt als aus der Nähe.Mein Cousin ist gleich nach dem Abitur nach Berlin gegangen, und wenn er zurückkommt nach Oer-Erkenschwick, hält er dieses Milieu nie länger aus als vierundzwanzig Stunden, weil es wie alle Milieus naturgemäß seine Verengungen und Beschränkungen hat. "Kannten Sie Ernst Bösel?" frage ich den zärtlichen Polterer Friedhelm Löffler zum Schluß. "Nein, ich glaube nicht." "Er hatte einen schweren Unfall unter Tage." "Ich hatte auch einen schweren Unfall unter Tage.Bin unter Bruch gekommen.Mein Knie ist seitdem kaputt." Spurensuche an der Ewaldstraße vor dem Zechentor: Es ist merkwürdig, Ewald Fortsetzung so still zu erleben.Früher, als Ernst Bösel hier anfuhr, war dies ein lärmendes Ungetüm, das ächzte, gurgelte, rauschte, klingelte, summte, klapperte.Wenn Schichtwechsel war, verschlang es Tausende weißer Männer und spuckte die gleiche Zahl schwarzer aus.Stillstand gab es nicht.Die Seilscheiben der Fördertürme rotierten Tag und Nacht, die Kohlezüge rollten. Wurde auf der Kokerei Koks gedrückt, war die Luft auf der Ewald- straße so heiß wie auf Mallorca, wo dann später alle hingeflogen sind. Wenn ich, ein häufiger Besucher aus Berlin, über das Pflaster von Oer-Erkenschwick ging, dachte ich manchmal daran, daß mein Großvater vielleicht gerade unter mir war, tausend Meter tiefer, in einem Streb liegend und mit dem Abbauhammer Kohle machend. Er hatte nicht diesen dröhnenden Stolz, der bei Bergmännern häufig anzutreffen ist.Er mochte die Arbeit auf der Zeche nicht, und wenn er, ein kleiner und schmaler Mann, nach Hause kam, war er völlig zerschlagen, und immer wirkte er bedrückt.Vor dem Krieg hatte er einen sauberen Job auf einem Stellwerk der Reichsbahn, aber dorthin konnte er nicht zurück, und dann ging er eben auf die Zeche, weil da gut verdient wurde. Gegenüber dem Zechentor steht ein mickriges Häuschen, das auch früher dort stand und das keinen anderen Namen braucht als "Trinkhalle", weil damit alles gesagt ist.Dort tranken früher die Kumpel, nicht aber Ernst Bösel, der ein Einzelgänger war. Drinnen stapeln sich die Bierkästen, und ein paar Männer lehnen an den Wänden und trinken Bier aus Flaschen.Es ist Mittag.Einer, der drüben auf der Zeche arbeitet, erzählt vom Fußball, und die anderen, die zum großen Teil keine Arbeit haben, meckern, weil sie für Dortmund sind und er ist für Schalke."Dortmund schwimmen jetzt die Bälle weg", sagt der Mann, der Arbeit hat, und alle anderen meckern.Dann gibt einer einen aus, und die nächste halbe Stunde ist gesichert.Drüben ist die Zeche, aber man hört sie nicht. Fußball ist wichtig in Oer-Erkenschwick, manchmal könnte man denken, das wichtigste überhaupt, weil alle früher oder später begeistert vom Fußball erzählen.Jüngst wurde eines der wichtigsten Jubiläen der Stadt begangen, die Erinnerung an das Pokalspiel der Spvgg. Erkenschwick gegen Bayern München vor dreißig Jahren.Lange hielten die Schwarzroten ein null zu null, bis Gerd Müller zweimal traf und die Spielvereinigung noch "verkimmelte". 23 800 Zuschauer waren im Stimbergstadion. Heute kommen höchstens 2000, wenn Erkenschwick in der Regionalliga West gegen den Abstieg kämpft.Mit Zeche und Fußballverein ging es fast im Gleichschritt abwärts, weil sie eben zusammengehören, wie sich auch an Anton Stark zeigt, der gleichzeitig Werkchef auf Ewald Fortsetzung war und Präsident der Spvgg.Erkenschwick. Bei ihm, der fast 25 Jahre in leitender Position auf der Zeche gearbeitet hat, ist viel zu erfahren von der wechselvollen Geschichte des Bergbaus in Oer-Erkenschwick und im Revier insgesamt.Zudem kann man lernen, wie planlos Steinkohlepolitik in Deutschland betrieben wurde. 1903 wurde die erste Kohle aus der Schachtanlage Ewald Fortsetzung geholt, und dann ging es erst mal aufwärts bis zur Weltwirtschaftskrise. 1931 wurde die Zeche geschlossen und blieb es bis 1938.Erkenschwick, wo nahez u jeder seinen Job verloren hatte, war die ärmste Gemeinde Preußens.Der Krieg brachte den Aufschwung und erst recht die Nachkriegszeit.Bis 1957 brummte es.Dann begann der langsame Abstieg. Es war aber nicht so, daß den Kumpeln irgendwann gesagt wurde, es werde eines Tages zu Ende gehen mit dem Bergbau und daß sich jeder darauf einstellen müsse, daß zu einem festen Termin, vielleicht nach zwanzig, dreißig Jahren endgültig Schluß sei.Statt dessen gab es ein erratisches Auf und Ab, einen steten Wechsel von Depression und Hoffnung, der letztendlich dazu führte, daß sich alle naturgemäß immer an die Hoffnung klammerten und sich niemand auf größere Veränderungen einstellte. Aberwitzige Zustände herrschten Ende der sechziger Jahre, als die Zechen zur Ruhrkohle AG zusammengefaßt wurden und nur jene Bergwerke überleben sollten, die genügend Vorräte unter Tage nachweisen konnten.Wenn Anton Stark von dieser Zeit erzählt, dann drängt sich der Eindruck auf, daß damals, überspitzt gesagt, ein großes, mitunter blindwütiges Gestochere im Erdreich des nördlichen Ruhrgebiets begann, weil jeder noch in aller Eile neue Kohlelager ausfindig machen und erschließen wollte.Dab ei war vollkommen egal, ob irgend jemand diese Kohle brauchen würde. Es klingt selbstkritisch, wenn Stark sagt: "Wie ein Kalb habe ich nur auf das eigene Bergwerk geguckt."Dann fügt er hinzu: "Es war aber auch meine Aufgabe, die Arbeit für meine Leute zu sichern."Ewald Fortsetzung überlebte, zu Lasten der Nachbarzeche Emscher-Lippe in Datteln, die sich gerne über dieselben Vorräte hergemacht hätte und sogar günstiger lag, wie in Oer-Erkenschwick natürlich nur hinter vorgehaltener Hand gesagt wird. Die Depression jener Tage wurde nahtlos von Zeiten der Hoffnung, ja, der Euphorie abgelöst.Ölkrise I und Ölkrise II in den siebziger Jahren ließen die Politik nach heimischer Kohle schreien, obwohl das unbegründet war, weil Öl nicht einfach durch Kohle zu ersetzen ist.Es ging auch damals vor allem um Emotionen, weil man sich einredete oder weismachen ließ, Kohle aus Deutschland gebe ein heimeliges Gefühl der Sicherheit.In jenen Tagen, so Stark, "ist die Hoffnung eine wahnsinnige geworden". Aber das Schicksal von Ewald Fortsetzung blieb schwankend.Mal wurde der Förderschacht stillgelegt, mal geöffnet.Diese Zickzacklinie ist ein ziemlich genauer Abdruck des politischen Kurses in Bonn und Düsseldorf, wo die Politiker ewig lavierten und endgültigen Entscheidungen mit faulen Kompromissen aus dem Weg gingen. Am 1.Oktober 1992 wurde die Zeche in Oer-Erkenschwick, die inzwischen Haard hieß, mit dem Bergwerk General Blumenthal in Recklinghausen zusammengelegt und der Schacht angeblich für immer geschlossen. Einen Tag vorher ging Anton Stark mit einem schweren Kloß im Hals in Rente. Aber wer jetzt denkt, in Oer-Erkenschwick herrsche endgültig Depression, der irrt.Von irgendwo kommt die Überlegung, den Kohleabbau weiter nach Norden zu treiben, ins Feld Olfen hinein, und dafür die alte Zeche neu zu beleben, einen Schrägschacht zu buddeln und in Oer-Erkenschwicks Mitte wieder Kohle zu fördern.Nun hoffen sie wieder.Der Stadtrat hat einstimmig beschlossen, daß er voll und ganz hinter diesem Projekt stehe.Man sieht glühende Gesichter, wenn darüber geredet wird. Auch Anton Stark wird da warm ums Herz, obwohl er eher skeptisch wirkt, und außerdem weiß er ja nicht, wie sich dieses Projekt zu seinem eigenen verhält.Er hat einen großen Schlag gegen alle Klischees vor, will die Bergehalde hinter der Zeche in einen Golfplatz verwandeln, was sicherlich damit zu tun hat, daß er selbst Golf spielt (Handikap 21).Pläne liegen vor.Wo schon von Träumen die Rede ist, sollte man auch erwähnen, daß er es traumhaft fände, mit Franz Beckenbauer eine Runde auf die sem Platz zu drehen und dabei eine erneute Begegnung der Spielvereinigung mit Bayern München zu vereinbaren.Dann würden sie es den Bayern aber zeigen.Von wegen Subventionen drastisch kürzen. "Sagt Ihnen der Name Ernst Bösel etwas?" Anton Stark überlegt, schüttelt dann den Kopf. Spurensuche in einer Zechensiedlung: kastige Häuser für sechs Parteien, dazwischen Beete, wo das Gemüse manchmal so schwarz war, daß es niemand essen konnte.Ernst Bösel hat viel in seinen Beeten gearbeitet.Ein Treppenhaus, das wie immer frisch gebohnert ist, eine kleine Wohnung, drei Zimmer, in denen er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern gelebt hat.Einmal rumste es, und dann zackte sich ein langer Riß über eine Wand.Bergschaden. Und dann die ersten Menschen mit schwarzen Haaren und dunklem Teint, die von weit her kamen und plötzlich Nachbarn sein sollten. Staunen und Mißtrauen im Haus, auch bei dem Jungen aus Berlin, der wieder zu Besuch war. Mit dem Unfall war es so, sagt meine Großmutter: Ernst Bösel war in einem Streb, als der Steiger, der glaubte, niemand sei im Streb, die Schrämmaschine anstellte.Ihr Arm riß einen Eisenstempel um, und der fiel auf meinen Großvater und zertrümmerte seine linke Gesichtshälfte.Ich weiß noch, wie ich mich vor den Verbänden an seinem Kopf gefürchtet habe.Der Opa war ein Gespenst.Ernst Bösel fuhr nie mehr auf Ewald Fortsetzung an. Mit meinem frühverrenteten Großvater Ernst Bösel war ich viel in der Haard unterwegs, einem ausgedehnten Wald, der zum großen Teil auf dem Stadtgebiet von Oer-Erkenschwick liegt.Ich muß das hier erwähnen, weil ich sonst großen Ärger zu erwarten hätte. Man darf nämlich nicht über das Ruhrgebiet schreiben und nur Kohle und Stahl erwähnen, weil sich dann sofort die Stadtväter zu Wort melden und sagen, daß es aber doch auch ein High-Tech-Center gebe, so eine Art kleines Silicon Valley, überdies ein Theater mit überregionaler Bedeutung sowie die meisten innerstädtischen Bäume der Sorte soundso. In Oer-Erkenschwick ist es die Haard, die erwähnt werden muß. Ein High-Tech-Center wäre für eine Stadt dieser Größe zuviel verlangt. Gleichwohl stellt sich die Frage, wie intensiv sich die Stadtväter um Ersatzarbeitsplätze gekümmert haben. Ein Rundgang also: Da ist ein Schornstein, der letzte in Oer-Erkenschwick, der aber nicht zur Zeche gehört, sondern zu Barfuss, einer riesigen Wurstfabrik, die es hier schon ewig gibt und die sich hinter hohen und engmaschigen Zäunen verschanzt.Da sind Zulieferer für den Bergbau und ein paar andere Betriebe, darunter ein gigantisches Kaufhaus für den Heimwerkerbedarf, wo man eine breite Auswahl an Holz, Klinkern und Kacheln findet. Das alles reicht nicht.Die Arbeitslosigkeit in Oer-Erkenschwick liegt weit über dem Durchschnitt in Deutschland.Dazu sagt Ernst Saland, der bis 1994 Fraktionschef der SPD im Stadtrat war und damit, wie er selbst nicht verhehlt, mächtigster Mann in Oer-Erkenschwick: "Was ich vielleicht verkehrt gemacht habe - ich war immer überzeugt davon, daß es auf dem Pütt weitergeht, und deshalb haben wir erst spät angefangen, neue Arbeitsplätze hereinzuholen."Die lähmende Kraft der Hoffnung. Ernst Saland war selbst Bergmann.Er war Vorsitzender des Betriebsrats von Ewald Fortsetzung und Vorsitzender der Ratsfraktion der SPD, die in Oer-Erkenschwick seit ewigen Zeiten eine Zweidrittelmehrheit hält.Er sagt, daß die Ratsbeschlüsse auf dem Pütt vorbereitet wurden, weil die allermeisten Ratsherren Kumpel waren.SPD und Zeche waren eins. Ein solcher Klüngel kann nicht bekömmlich sein.Es gab ihn im ganzen Ruhrgebiet, und zum Teil gibt es ihn immer noch.Es fällt diesen Leuten schwer, über den Grubenrand hinauszudenken, und das kann man ihnen kaum vorwerfen.In Bonn hätten Leute sitzen können, die Distanz genug haben, der Hoffnung auf den ewigen deutschen Steinkohlebergbau ein Ende zu bereiten. Ernst Saland kannte meinen Großvater."Mit dem Ernst habe ich zusammen gekumpelt.Der war viel vor Ort.Ich sehe ihn noch vor mir, ein ruhiger Mann, nett."Er kann sich auch an den Unfall erinnern.Eine Schrämmaschine, sagt er, hat einen langen Arm, an dem spitze Pickel sind.Die Pickel schrämmen die Kohle aus dem Berg. Annäherung an Ernst Bösel in der Kaue von Schacht An der Haard 1, Teil des Verbundbergwerks Blumenthal/Haard, gelegen an der Stadtgrenze von Oer-Erkenschwick.Die Bergmannskleidung, wird versichert, habe sich seit jenen Zeiten nicht verändert.Unterwäsche aus dunkelgrauem Grobripp, dicke Socken, helle Hose, ein dunkelblaues Hemd mit weißen Nadelstreifen, helle Jacke, Halstuch, schwere Stiefel, Helm mit Grubenlampe, Gürtel mit lebensrettendem Gasschutz. Mit 8 Metern pro Sekunde fällt der Korb in die Tiefe, Sohle 2 entgegen, 900 Meter unter der Erdoberfläche.Hier unten, verteilt über eine Fläche von 226 Quadratkilometern, arbeiten die Kumpel aus Oer-Erkenschwick. Unser Ziel ist das Flöz Ernestine in Revier 4.Die Grubenbahn, welche die Kumpel durch die Richtstrecke schaukelt, ist eng und rattert.Dann geht es zu Fuß weiter, den Gesteinsberg hinauf. Ein schwarzer Tunnel, Geröll auf dem Boden.Manchmal huschen rechts unter der Decke surrend und mit Warngeklingel Transportkörbe vorbei. "ESH", sagt unser Begleiter, "Einschienenhängebahn."Ansonsten wird kaum gesprochen.Der Berg legt sich drückend auf die Gedanken und lähmt den Wunsch zu reden. Es ist ein langer Marsch.In einer Achtstundenschicht arbeiten die Kumpel sechs Stunden.Der Rest geht für Wege drauf.Ein erster Hinweis auf die Produktivität eines deutschen Steinkohlebergwerkes. Das Flöz Ernestine ist nur neunzig Zentimeter hoch oder besser "mächtig", wie die Bergmänner sagen.Man kann im Streb nur kriechen und das in drangvoller Enge, weil das stählerne Transportband für die Kohlen hier durchläuft, höllisch rasselnd und quietschend. Eine Schrämmaschine gibt es nicht mehr.Nun kratzt ein Kohlehobel, der auf einer Schiene läuft, das Flöz entlang.Als der Hobel, eine Art stählerner Igel, heranschießt, schiebt er einen verwirbelten Haufen silbrig-schwarzer Kohlebrocken vor sich her, darüber eine seidig glänzende Staubwolke.Ein Moment der Schönheit. "Ist das ein Eisenstempel?" "Genau." Ein metallener Pfeiler ragt vom Boden bis zur Decke.Er sieht schwer aus.Er sieht so aus, als könne es ein Gesicht zertrümmern. Die Kumpel, die hier unten arbeiten, sagen, daß sie sich große Sorgen machen.Man wisse ja nicht, "wat die Pappköppe vonne Politik so vorhaben".Ihre Gesichter sind schwarz und glänzen.Schweiß mischt sich mit Ruß.Hier unten bei ihnen ist es viel schwerer, ein Auslaufen des deutschen Steinkohlebergbaus für richtig zu halten. Über Tage sitzt im Steuerstand ein Bergmann, der Bergmann heißt, Günter Bergmann.Von hier oben fährt er den Kohlehobel mittels Bildschirm und Knöpfen.Er sagt, daß ein Kohlehobel in 24 Stunden 560 Minuten im Einsatz ist, also gut 9 Stunden.Den Rest der Zeit steht er, weil er gewartet wird, sich verhakt hat oder das Flöz gestört ist.Ein zweiter Hinweis auf die Produktivität eines deutschen Steinkohlebergwerkes. Es soll aber alles besser werden.Dafür sorgt zum Beispiel Wolfgang Kirchhöfel, Bergmann aus Oer-Erkenschwick, der gleich hinter der Bergehalde wohnt und ebenfalls geschickt ist im Umgang mit Holz, Klinkern und Kacheln.Auf Blumenthal/Haard kümmert sich Kirchhöfel derzeit um Kaizen, eine japanische Methode, effizienter zu wirtschaften. Bislang, so Kirchhöfel, galt auf den Zechen folgende Arbeitsteilung zwischen Management und Kumpeln: "Wir denken, und du gehst senken." Jetzt habe man erkannt, daß auch die Arbeiter einen Kopf haben und vielleicht die eine oder andere Idee, etwas besser zu machen. Nun gibt es Workshops, in denen Hierarchien keine Rolle mehr spielen. Beim Ortsvortrieb unter Tage, erzählt Kirchhöfel, schafft man seitdem gut zehn Meter am Tag.Vorher waren es vier Meter achtzig. Da fragt man sich natürlich, wie es möglich war, daß solch ungeheure Produktivitätsreserven so lange ungenutzt bleiben konnten.Das Ruhrgebiet ist ja insgesamt eine ehrliche Region, offen und ungeschminkt, und genauso antwortet Kirchhöfel: "Vorher waren wir nicht in der zwingenden Situation, weil wir bis 1996 garantierte Absatzmengen hatten."Soviel zum Thema Subventionsmentalität. Wolfgang Kirchhöfel hat Ernst Bösel nicht gekannt.Bei anderen habe ich mehr Glück, und so erfahre ich durch einen Zufall den Namen des Steigers, der die Schrämmaschine eingeschaltet hat, als Ernst Bösel noch im Streb war.Ich überlege lange, ob ich ihn anrufen soll.Ich will nicht, daß er sich beschuldigt fühlt, aber ich will genau wissen, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. Also rufe ich ihn an. "Erinnern Sie sich an Ernst Bösel?" "Ich erinnere mich.Er war bei mir in der Vorkohle." "Er hatte einen schweren Unfall." "Ja." "Können Sie mir sagen, wie das passiert ist?" "Da kann ich Ihnen beim besten Willen nicht helfen.Ich weiß es nicht mehr.Wissen Sie, ich war vierzig Jahre auf der Zeche.Da ist viel passiert." Stilles Sitzen war das, was meinem Großvater nach dem Unfall am besten gefiel.Er trank mäßig Bier und rauchte Zigarillos.Er lebte, aber er wirkte wie ein Mann, der sein Leben hinter sich hat.Irgendwann begann das mit dem Spucken.Er ging auf die Toilette, und dann hörten wir, wie er röchelte und würgte und dann ausspuckte. "Ernst, rauch nicht soviel", sagte meine Großmutter.Später, als das mit dem Röcheln und Spucken schlimmer wurde, sagte sie etwas anderes: "Ich glaube, der Ernst hat Steinstaub." Steinstaub.Als ich Wolfgang Grewe davon erzähle, wiederholt er das Wort mit jenem Unterton des Entsetzens, wie er in Bergmannskreisen üblich ist.Jeder weiß Bescheid.Vergiftete Lungen, qualvoller Tod.Häufiges Schicksal der Kumpel, die früher viel vor Kohle gearbeitet haben. Wolfgang Grewe ist kein Freund von Zahlen.Er ist der Vorsitzende des Betriebsrats von Blumenthal/Haard und sitzt in Recklinghausen, wo die Zeche noch einen Schornstein hat und gar nicht schwächlich aussieht.Unter den Plakaten im Büro des Betriebsrats findet sich auch eines mit der Aufschrift: "Kanzler Kohl, fang' die Meute ein."Sie hoffen auf ihren Bonner Mann der Emotionen. Ein Betriebsrat auf einer Zeche ist eine Macht, wie es sie sonst nirgendwo in Unternehmen gibt.Grewe redet kräftig mit, schon wegen der Montanmitbestimmung, aber auch sonst herrscht ein Klima, in dem die Interessen der Kumpel viel zählen.Billige Wohnungen, billige Energie, erstklassige Ausbildung, soziale Absicherung. Mit den Zechen geht auch diese Kultur ihrem Ende entgegen.Es paßt nicht in die Zeit der Zahlen.Man kann da schon wehmütig werden. Frage an Grewe: Warum braucht man den deutschen Steinkohlebergbau? "Energiesicherheit" heißt Grewes wichtigstes Wort, und er malt Szenarien aus, wie die ausländischen Lieferanten von Steinkohle ausfallen und die Deutschen "einen kalten Arsch kriegen". Ein Mann der Zahlen ist Dieter Schmitt, der an der Universität Essen den Lehrstuhl für Energiewissenschaft leitet.Er sagt, daß eine Tonne deutscher Steinkohle rund 280 Mark kostet, eine Tonne Importkohle 80 Mark.Es ist völlig klar, daß Kaizen und was auch immer diesen Unterschied niemals aufholen kann.Anderswo liegt die Steinkohle nur wenige Meter unter der Erde oder gleich über Tage. Schmitt sieht keine Gefahr, daß den Deutschen kalt werden könnte. Importkohle gibt es erstens reichlich, und zweitens kommt sie aus Ländern wie Südafrika, Australien oder Polen, und wenn die einmal gleichzeitig ausfallen sollten, dann wohl nur in einer Art Weltchaos, und wie wahrscheinlich ist das?Zudem hat Schmitt für die ganz Ängstlichen ausgerechnet, daß man sich mit Importkohle einen Jahresvorrat anlegen könne, und das wäre immer noch weit günstiger als jährlich zehn Milliarden Mark an Steuergeldern in deutsche Bergwerke zu stecken.Schmitt: "Es gibt keine belastbaren Argumente dafür, Steinkohle längerfristig zu subventionieren." Gerne hätte ich jemanden gefunden, der das überzeugend widerlegt hätte, schon wegen Ernst Bösel, der nicht gerne Bergmann war, aber er war nun einmal einer, und die Zukunft der Steinkohle lag ihm sehr am Herzen.Ich habe aber niemanden gefunden. Noch einmal ein Rundgang durch Oer-Erkenschwick: die Häßlichkeit der Stadt, das Schweigen der Zeche.Immer wirkt sie, als brüte sie etwas aus.Noch ein Bier in der Trinkhalle, noch einmal Fußball. Kalli Matejka, als der für die Spielvereinigung vor den Ball trat, mein lieber Schwan.Dat wa'n Zeiten.Früher.Das große Wort.Nirgendwo ist es größer als in einer Stadt wie Oer-Erkenschwick. Wie wäre es gekommen, hätte die Bundesregierung vor zwanzig, dreißig Jahren gesagt: Wir lassen den Bergbau auslaufen, kürzen nach und nach die Subventionen, und 2000 ist endgültig Schluß.Die Kumpel, die Politiker, sie hätten nicht mehr hoffen können.Hätten sie sich dann beizeiten um andere Arbeitsplätze gekümmert?Wären sie flexibler, mobiler gewesen?Und was wäre entstanden, wenn man die gesparten Subventionen produktiver eingesetzt hätte?Nicht annähernd ein Silicon Valley.Aber viel leicht doch eine Region mit mehr Perspektive als jetzt. Wahrscheinlich wird auch diesmal niemand den Mut haben, den Kumpeln zu sagen, daß die deutsche Steinkohle ein Auslaufmodell ist.Die Bundesregierung wird die Subventionen kürzen und ein paar Zechen schließen.Blumenthal/Haard könnte es auch treffen.Aber man hat Hoffnungen in Oer-Erkenschwick. Es wird immer schwieriger, immer teurer, niemanden ins Bergfreie fallen zu lassen.Auf Blumenthal/Haard haben sie ein Durchschnittsalter von 33 Jahren.Mit Frühverrentung ist da nicht viel zu machen. Es wird gewurschtelt werden.Ist man dieser Region nicht mehr schuldig? Ernst Bösel sah ich zuletzt im Krankenhaus von Datteln.Seine Lungen hatten sich entzündet, und er röchelte und würgte, als steckten Nadeln in seiner Luftröhre.Es konnte einen verrückt machen, dazusitzen, zuzuhören und ständig zu denken: Gleich hat er sie herausgewürgt, gleich hat er Ruhe.Aber es ging immer weiter. Vier Tage später ist er gestorben.