Nachdem vor einigen Jahren die bemerkenswerte, weil detaillierte und kritische Studie über Zwangsarbeit bei Daimler im "Dritten Reich" veröffentlicht wurde, liegt nun, nach fast zehnjähriger Arbeit, auch eine voluminöse Untersuchung über das Volkswagenwerk vor. Der Bochumer Historiker Mommsen hatte 1987 eine Gruppe jüngerer Historikerinnen und Historiker um sich geschart, die die verschiedenen Bereiche der Konzerngeschichte erforschten. Zusammen mit Manfred Grieger hat er die Teilergebnisse zu einem Gesamtwerk geformt, in welchem man sowohl über die Geschichte der Volksmotorisierung wie über Einzelheiten der Freizeitpolitik des NS-Regimes, über technische Details der Motorenfertigung, über die Geschichte der Panzerwaffe, die Entwicklung der Raketenrüstung, die Probleme der Unternehmensfinanzierung und vieles andere informiert wird.

Indem die technischen und wirtschaftlichen Prozesse der Automobilfertigung mit den politischen, militär- und rüstungsgeschichtlichen Entwicklungen sowie mit der Geschichte der Belegschaft und vor allem der Beschäftigung der ausländischen Zwangsarbeiter während der Kriegsjahre eng verbunden werden, ist eine in dieser Form bislang nicht gekannte Unternehmensgeschichte entstanden, die Maßstäbe setzt.

Schon in den Nachkriegsjahren waren Spekulationen und Gerüchte über die Beweggründe des NS-Regimes verbreitet, ein solch gigantisches Projekt aus dem Boden zu stampfen. Daß dies unter dem Vorwand der Massenmotorisierung nichts anderes als eine verdeckte Form der Aufrüstung gewesen sei, galt vielfach als ausgemacht, ebenso die Vermutung, das in dem eigens eingerichteten Volkswagen-Sparsystem gesammelte Geld der Kleinsparer sei von vornherein zur Rüstungsfinanzierung bestimmt gewesen.

Von solchen Spekulationen bleibt nach Lektüre dieses Buches nichts übrig. Die Idee, ein modernes, überdimensioniertes Werk für die Massenproduktion preiswerter Pkw zu erstellen, geht direkt auf Hitler zurück und wurde von diesem gegen den zähen Widerstand der deutschen Automobilindustrie sowie gegen alle rüstungswirtschaftlichen Prioritäten durchgesetzt und weiterverfolgt. Die Massenmotorisierung als soziale Idee, die Orientierung an dem von Hitler vielfach bewunderten Vorbild USA sowie die ausgeprägte Technikbegeisterung des Diktators standen hierbei im Vordergrund. Mit Ferdinand Porsche war zudem ein brillanter Techniker zur Hand, dem Hitler unabhängig von allen Kostenerwägungen die Aufgabe stellte, ein technisch modernes, preiswertes Familienauto zu entwerfen und in kurzer Zeit zur Produktionsreife und zur Massenfertigung zu führen.

Die wirtschaftliche Vernunft stand einem solchen Projekt entgegen, und so zog sich die deutsche Automobilindustrie aus diesem Vorhaben schnell zurück. Daß nun die Deutsche Arbeitsfront einsprang, war überraschend, aber folgerichtig. Zum einen gewann die DAF hierdurch in einem offenkundig expandierenden Bereich eine starke Stellung, zumal ihr Chef, Robert Ley, hierdurch seine Ergebenheit gegenüber Hitler dokumentieren konnte. Zum anderen aber besaß die DAF auch die Mittel, um ein solches Projekt zu finanzieren, denn ihr waren alle Gelder der aufgelösten Organisationen der Arbeiterbewegung zugeflossen. Der Aufbau des Volkswagenwerks begann also mit dem geraubten Vermögen der Freien Gewerkschaften.

Aber schon bald stellten sich Probleme ein: Das neue Werk, das den "KdF-Wagen" produzieren sollte, besaß keine Stammbelegschaft.

Man benötigte daher zusätzliche Arbeiter, und angesichts des leer gefegten Arbeitsmarktes in der Rüstungskonjunktur der Vorkriegsjahre lag der Zugriff auf ausländische Arbeiter nahe. Bereits 1938 wurden daher italienische "Gastarbeitnehmer", vor allem Bauarbeiter, eingestellt - und damit begann die Ausländerbeschäftigung im VW-Werk.