Selber hat Shyqyri das Geld nicht gesehen, aber er hat eine verläßliche Quelle. Einer seiner Freunde, der in Vlora bei der Geldsammelfirma Gjallica arbeitet, konnte einen Blick in den hinteren Teil der Konzernzentrale werfen. Da lag es: in Dollar und albanischen Lek, zwei Zimmer voll, säuberlich aufgestapelt bis unter die Decke.

Vierzehn Tage später war alles weg. Der Chef von Gjallica, ein ehemaliger Pilot, erschien im Fernsehen und sagte in die Kamera, daß er die seit Wochen gesperrten Schalter seiner Firma nicht wie versprochen wiedereröffnen könne, weil er leider kein Geld mehr habe. Von etwa 300 bis 350 Millionen Dollar, so verkündete es dann der Premierminister, habe man auf den Konten der Firma noch ganze 500 000 Dollar gefunden. "So schnell", meint Shyqyri, dessen Freund doch alles gesehen hatte, "kann der doch das Geld nicht ausgegeben haben!"

Bei den täglichen, gewalttätigen Protesten in Vlora weiß man schon, wer das Geld gestohlen hat. "O Sali, o hajdut!" beginnt der beliebteste Slogan der Protestierer: "O Sali", so der Vorname des Präsidenten Berisha, "o du Hajduke! Wo hast du unser Geld versteckt?" Aber dort kursiert auch, "serbische Polizei" sei in der Stadt, und es sei ein Serbe gewesen, der in der vergangenen Woche einen 36jährigen Demonstranten erschossen habe. Doch niemand weiß wirklich etwas - weder über den Hintergrund noch über das Ausmaß des großen Zusammenbruchs, der die meisten großen Firmen erfaßt und fast alle Bürger Albaniens betroffen hat. Sichtbar sind nur die Folgen: Man steht mittellos da.

Der massenhafte Zusammenbruch dubioser Geldsammelfirmen, sogenannter Stiftungen, hat das Land an den Rand des Ruins getrieben. Eine "Transparenz-Kommission" aus Experten, die das Parlament eingesetzt hat, kann nun immerhin eine Vorstellung vom Ausmaß des Zusammenbruchs vermitteln: Zwei der zusammengebrochenen "mildtätigen Stiftungen" haben knapp eine halbe Milliarde Dollar gesammelt. Mit dem verlorenen Geld der Gjallica sind es schon 800 Millionen, und die beiden größten Geldsammelstellen sind noch gar nicht dabei. Regierungsvertreter sagen auf Nachfragen, es sei "weniger" - verraten aber weder, wieviel weniger, noch ihre Quellen. Nur der Gouverneur der Nationalbank, Kristaq Luniku, nimmt kein Blatt vor den Mund: Zwei Drittel des in Albanien kursierenden Geldes lagern in einer der Gesellschaften.

Er habe die Regierung immer wieder gewarnt, aber man habe ihn nicht erhört.

Jetzt ist es wohl zu spät. Eine Firmenpleite nach der anderen droht und bringt, angeheizt von wilden Gerüchten, neue Gewalt hervor. Die Albaner haben jedes Vertrauen in das eigenartige Finanzsystem ihres Landes verloren - und damit in das Regime der Demokratischen Partei, die sich von Anfang an mit den erfolgreichen Gesellschaften identifizierte: Sie standen für die Marktwirtschaft. "Mit uns gewinnen alle" - der beziehungsreiche Slogan der Demokraten aus dem Wahlkampf im Mai grüßt noch immer von vielen Plakaten und provoziert nun bitteren Spott. Präsident Sali Berisha und seine Regierung haben zwar nicht das Geld geklaut, aber sich doch politisch von dem mühelosen Reichtum genährt, den das schmutzige Geld für sie abwarf.

Wie das System funktionierte, ist nicht nur für Shyqyri und die Protestierer von Vlora ein Rätsel. Wenigstens drei "Stiftungen" - die ersten, die kollabierten - waren offenbar reine Pyramiden: Sie sammelten Geld von immer neuen Anlegern, zahlten damit den Erstanlegern ihre horrenden Zinsen, und als die Gemeinde nicht mehr wuchs, brachen sie zusammen.