Eine seltsame Seefahrt ist das, unwirklich und weltentrückt, als kreuze das Schiff nicht zwischen dem Gebirge Moab und den Judäischen Bergen, die das Tote Meer zu beiden Seiten flankieren, sondern durch eine menschenferne Landschaft. Keine schäumenden Wellen umtänzeln die Bordwand, keine Möwen, die den Abschied vom Land mit grellem Gekreische begleiten. Glatt wie ein straffgezogenes Bettuch liegt die Wasserfläche in der Mittagshitze, und nur dort, wo der Schiffsbug hindurchpflügt, weicht das Wasser träge wie schweres, grünschimmerndes Öl zur Seite.

Dieses Meer ist wirklich mausetot. Und die Vorstellung, daß sich in den fast 370 Metern dunkler Tiefe, die an dieser Stelle unter dem Schiffskiel liegen, nicht das geringste Leben regt, kommt einem weitaus unheimlicher vor als die Vorstellung, dort unten tummelten sich Haie.

Wir befinden uns am tiefsten Punkt der Erdoberfläche, vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel. "Den müssen sie sich dort oben auf dem Plateau von Masada vorstellen", sagt Kapitän Zwika, um einen anschaulichen Vergleich bemüht. Die Augen der wenigen Passagiere wandern zu dem steil aufragenden Felsenmassiv am Westufer, auf dem einmal, schier uneinnehmbar, die von den Römern zerstörte Herodesburg lag.

Das Hier und Heute liegt Kapitän Zwika allerdings sehr viel näher als das ferne Tertiär. Nichts bewegt ihn so sehr wie die bange Frage, ob sie Erfolg haben werden mit der verrückten Idee, auf dem Toten Meer Ausflugsschiffe kreuzen zu lassen. Denn zur Seefahrt ist das mit Salzen und Mineralien hoch angereicherte Wasser keineswegs geeignet. Könnte der Kapitän nicht auf eine lange Erfahrung mit allen möglichen Schiffen und Meeren zurückblicken, traute er sich wohl kaum, Lot's Wife durch dieses heikle Gewässer zu steuern.

So schnell setzen sich dicke Salzkrusten am Bug fest, daß Taucher sie einmal in der Woche mit der Axt abschlagen müssen. Taucher in einem Meer mit so starken Auftriebskräften, daß es den Menschen stets wider Willen an der Oberfläche festhält? Zwika lächelt.

Sie hätten da so ihre Tricks.

Probleme dieser Art sind relativ leicht zu lösen. Was schwerer wiegt, ist der Umstand, daß der Ausflugsverkehr nicht richtig in Gang kommt, solange Lot's Wife, wie an diesem Tag, nur mal eben über die Grenze in der Seemitte schippert und sich Sightseeing auf das kurzfristige Hissen der jordanischen Fahne im fremden Hoheitsbereich beschränkt. Interessant würde es erst, wenn "Touristen am Ostufer in Jordanien aussteigen und einen Kaffee trinken können", versichert Zwika. Vorerst sieht er das Schiff als Investition in eine nicht allzu ferne Zukunft dem Kapitän schwebt ein regelmäßiger Bootsverkehr zwischen Israel und Jordanien vor.