Die Weiber sind los am Rhein. Der General außer Diensten Winfried Vogel hat's zu spüren bekommen. Etwas ramponiert sieht er aus.

Seine Krawatte ist gestutzt, und im Laufe der Weiberfastnacht wird er sich noch - freudig zwar - mancher Attacken erwehren.

Vor ein paar Tagen ernannten ihn die Chefs der Kölner Ehrengarde zum Rittmeister der Reserve. Mit einer Mischung aus Stolz und Genierlichkeit präsentiert er seinem Besucher aus dem nüchternen Norden das Photo, das ihn mit der Narrenkappe zeigt.

Ein Narr ist er selbstredend nicht. Ein bunter Vogel schon eher.

In der Bundeswehr, der er über vierzig Jahre diente, bis zum letzten Tag des vergangenen Jahres, war er eine besondere Erscheinung.

Nicht eine Ausnahme, aber mehr als andere Offiziere exponierte er sich. Aus seiner Meinung machte er nie einen Hehl, während seine Kameraden schwiegen oder die Augenbraue hochzogen - in früheren Zeiten hätten sie wohl ihr Monokel fallen lassen. Vielleicht hat ihn seine Offenheit um den zweiten Generalstern gebracht - doch das will er nicht weiter vertiefen.

Es geht um die umstrittene Ausstellung "Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" des Hamburger Reemtsma-Instituts. In vierzehn deutschen und österreichischen Städten ist sie gezeigt worden. Von nächster Woche an (Eröffnung am 24. Februar) wird sie im Münchner Rathaus zu sehen sein. Im Rahmen der begleitenden Veranstaltungen wird der pensionierte General Vogel, eingeladen vom Kulturreferenten der Stadt, einen Vortrag halten über die Traditionspflege in der Bundeswehr. Und er wird wieder viele gegen sich aufbringen, wenn er sagen wird: "Die Ausstellung ist der Versuch, die Legende von der ,sauberen Wehrmacht` zu zerstören . . .

Sie zeigt ihre Beteiligung an der Vorbereitung und Durchführung des systematischen Vernichtungskrieges, vornehmlich von Rassendoktrin ideologisch begründet, auf dem Balkan und dem Territorium der Sowjetunion." Und er wird sagen: "Ich behaupte auch, daß die Wehrmacht im Herbst/Winter 44/45 Verbrechen gegen das eigene Volk begangen hat. Beispiele: die Einberufung des Jahrgangs 1928, also von sechzehn- und siebzehnjährigen Jugendlichen als Soldaten der Wehrmacht ab Januar 45. Die Einberufung von unzureichend bewaffneten Kindern und Männern in den Volkssturm."

Winfried Vogel ist Jahrgang 1937. Sein Vater war Angehöriger eines Polizeibataillons, nach dem Krieg schlichter Gendarm. Er ist schon lange tot. Heute würde der Sohn den Vater gerne fragen: "Was bedeuten die verblichenen Photos mit den brennenden Häusern eines ukrainischen Dorfes in dem alten Familienalbum? Vater, was geschah dort?"

Damals waren die Bilder für ihn, den Jungen, simple Erinnerungen des Vaters "aus dem Felde", wie es so harmlos hieß. Die Bombennächte mit den heulenden Sirenen in Bingen am Rhein hat er nicht vergessen, nicht den Einmarsch der Alliierten, die den Kindern Kaugummi schenkten. Auf dem Gymnasium wurde die unmittelbare Vergangenheit im Geschichtsunterricht behandelt. Der Studienrat las mit den Schülern die Flugblätter der Geschwister Scholl. Später nahm Winfried Vogel Verbindung mit der Familie Scholl auf und ist bis heute mit ihr befreundet. Das Gymnasium, auf dem er 1956 das Abitur machte, trug den Namen des im wahrsten Wortsinn protestantischen Pfarrers Paul Schneider, eines Widerständlers, der in Auschwitz umkam.

Doch nicht die Vergangenheit führte Vogel in die Bundeswehr. Es war der Spaß am Sport, der Wunsch nach einem abwechslungsreichen Leben, das Zusammensein mit Gleichaltrigen, die Lust auf ein unbekanntes Abenteuer. Er wäre sonst Lehrer geworden. Für Geschichte und Deutsch.

Also bewarb er sich bei der "Deutschen Wehrmacht, Bonn". Der Brief kam an.

Der neunzehn Jahre alte Winfried Vogel gehörte zu den ersten sechstausend der rund acht Millionen, die mittlerweile - als Wehrpflichtige, Zeit- oder Berufssoldaten - in der Bundeswehr dienten. Er kam schnell voran. Viele Jahre in der Truppe, unter dem Verteidigungsminister Helmut Schmidt als Major im Planungsstab auf der Hardthöhe, persönlicher Referent der Staatssekretäre Berkhan und Schmidt-Würgendorf, Oberst, Kommandeur einer Panzerbrigade, General im Streitkräfteamt. Ja, er sei gerne Soldat gewesen. "Es war ein buntes Leben."

Damals war alles besser, wissen Alte zu singen, wenn sie Jüngeren das Lied von früher vorspielen. Auch der noch gar nicht so alte General - was sind heute schon sechzig Jahre! - stimmt das Lied an, wenn er die geistige Windstille, Grabesruhe gar, in der Bundeswehr beklagt. Die Toleranz sei dahingeschwunden, meint er, offene Diskussionen fänden nicht mehr statt, aus Angst, sich seine Karriere zu vermasseln.

Verteidigungsminister Rühe lege Wert auf Ruhe an der inneren Front und setze diese mit seinem Hamburger Vorstadtcharme auch durch.

Aber früher! Glauben wir ihm.

In jenen fünfziger Jahren ging es um den geschwinden Aufbau der Armee. Den jungen Offizieren war von Anfang an immense Verantwortung überlassen. Sie alle, jüngere wie ältere, hatten andere Sorgen als sich beispielsweise Fragen zu stellen, die die Vergangenheit betrafen und damit das Traditionsverständnis der Bundeswehr. Aber wenn sie es taten, flogen die Fetzen in den Offizierkasinos. "Wir stritten, wir kloppten uns geradezu."

Vogel erzählt: "Es ging um den 20. Juli. Die programmatische Geste, die alte Ordensburg Sonthofen Generaloberst-Ludwig-Beck-Kaserne zu nennen, wie auch die Vorstellungen von Graf Baudissin zum militärischen Widerstand stießen auf erheblichen Widerspruch besonders bei älteren Kameraden. Eine Reihe jüngerer Leutnants fragte sich mit mir: Hatten diese Offiziere vergessen, daß sie uns im gleichen Atemzug viel von preußischen Tugenden erzählten, die auch eine Verweigerung von Befehlen einschlossen, wenn diese Befehle unehrenhaft, unsinnig oder gar unrechtmäßig waren? Warum wurden uns Sätze wie: ,Seine Majestät hat Sie zum Stabsoffizier gemacht, damit Sie wissen, wann Sie nicht gehorchen müssen` gelehrt, wenn man für Stauffenberg, Beck und andere Helden des 20. Juli nur Ablehnung empfand? Wir fragten uns auch, warum Studenten der Weißen Rose schon 1942 im August die wahre Situation des deutschen Volkes und der Wehrmacht erkennen konnten und nicht hohe Generale und Feldmarschälle?"

Die Frage, wie hältst du's mit der Wehrmacht, hat den Soldaten Vogel bis heute begleitet. Er hat nicht studiert, aber er schaffte sich seinen eigenen zweiten Bildungsweg. "Den meisten meiner Kameraden fehlen ein paar tausend Seiten Literatur. Früher lasen sie die unseligen Memoiren von Manstein bis Halder, der Carell mit seinen Kriegsgeschichten war ihre Bibel", erzählt er und fügt hinzu: "Gottlob ist das heute anders."

Er selber hörte, als er in Hamburg stationiert war, bei Fritz Fischer, der mit seiner These vom Griff des Wilhelminischen Reichs nach der Weltmacht für Aufruhr in der Gelehrtenrepublik gesorgt hatte. Und wie ein Privatgelehrter der alten Schule hat Vogel eine Monographie über den Deutsch-Dänischen Krieg 1864 verfaßt - "Das Gefecht bei Düppel und seine Bedeutung für die Lösung der deutschen Frage". Dem Buch ("3. Auflage!", erklärt er stolz) hat er ein Motto vorangestellt: "Erfahrungen nützen gar nichts, wenn man sie nicht durchdenkt, sie innerlich verarbeitet und anzuwenden sucht." Friedrich der Große. ",Der Große` hat der Verleger zugefügt."

Für den Rheinländer bleibt er der II.

Der Ruheständler war wohl auch als Offizier ein Mann deutlicher Aussprache. Das Wenn und Aber ist seine Sache nicht. Mittlerweile hätten die Militärhistoriker soviel an verschütteten und verschwiegenen Fakten über die jüngste Vergangenheit ans Licht gefördert, daß es für ihn ein Gebot der historischen Hygiene sei, die Verstrickungen der Wehrmacht in den Nationalsozialismus, wie sie jene Ausstellung dokumentiert, nicht zu leugnen, nicht zu relativieren.

"Ehrlichkeit ist gefragt und Mut zur Konsequenz", schrieb er in einem Blatt der Bundeswehr zur Frage der Tradition. Eine stärkere Betonung der demokratischen Traditionen für die Bundeswehr sei wünschenswert. "Linien von den Bauernkriegen über die Freiheitskriege bis zur demokratischen Revolution 1848/49. Insbesondere aus der Zeit der Paulskirche, des Badischen Aufstandes, gibt es genug Möglichkeiten, freiheitliche Traditionen für die Bundeswehr zu gewinnen. Das ergiebigste und zukunftsträchtigste Feld ist aber die Bundeswehr selbst, die in vierzig Jahren ihre eigenen, freiheitlich-demokratischen Traditionen entwickelt hat. Auf vieles können wir stolz sein."

Wenn man's recht nimmt, der Alte Fritz hätte an diesem braven Soldaten seine Freude gehabt. Einer, der sein Metier beherrscht, eigenständig denkt, seine Soldaten liebt und vor der Obrigkeit nicht kuscht. Ein Militär mit Zivilcourage.

P.S. Dem Bonner Photographen Jupp Darchinger ist nichts Menschliches fremd. Aber einen General mit der Narrenkappe eines Rittmeisters der Kölner Ehrengarde abzulichten, wie ein Nordlicht aus der Redaktion dieser Zeitung ihm vorschlug, schien ihm nicht einmal eine Schnapsidee zu sein. "Keine Obszönitäten! Respekt! Ein Militär ist schließlich ein Militär."