Erfreuliches ist aus der französischen Provinz zu melden. Endlich gelangt eine Minderheit zu ihrem Recht - die Gartenzwerge. Eine Organisation namens FLNJ (deutsch: Front zur Befreiung der Gartenzwerge) hat sich ihrer angenommen und will das Recht auf ein zwergenwürdiges Dasein im tiefen Tann für sie erkämpfen. Schon sind zwanzig Befreiungen aus der Sklaverei geglückt. Frankreich horcht auf. Radio und Fernsehen berichten, die Provinzpresse meldet jeden Einzelfall - lediglich die Pariser Gazetten ignorieren die Geschichte. Noch zögert die Polizei, Sonderkommandos zu bilden, obwohl die Verantwortlichen einsehen müssen, daß sie auf diesem Feld fahndungsmäßig unerfahren sind.

Nicht nur die Polizei, auch die Medien haben bislang wenig über die Untergrundbewegung in Erfahrung bringen können. Wohl am besten im Bilde ist Jean-Claude Durand, ein pensionierter Angestellter der Air France, wohnhaft im burgundischen Städtchen Sens. Sein Dossier zum Thema Gartenkleinskulptur legt den Verdacht nahe, er selbst sei einer der Drahtzieher der FLNJ. Was er entschieden dementiert. Das hindert ihn nicht daran, sich mit Photos seiner beiden Prachtexemplare sowie Leserzuschriften in die Debatte einzuschalten.

Ja, er ging so weit, die zwei vor dreißig Jahren für seine Kinder erstandenen und jetzt vom Staub befreiten Zwerge als wiedergefundene Entführungsopfer zu präsentieren.

Offenbar erlag M. Durand dem Irrtum, bei der Befreiungsserie handele es sich um einen Scherz. Der FLNJ ist es jedoch bitter ernst.

Das unterstrich auch eine ihrer Sprecherinnen, die es vorzog, anonym zu bleiben. Das aus sechs Studenten bestehende Befreiungskommando, teilte sie mit, habe sich zwar an einem feuchtfröhlichen Abend formiert, plane nun jedoch langfristig. Es sei einfach unmenschlich, diesen Wesen das natürliche Milieu vorzuenthalten. Die Wälder seien der ihnen angemessene Ort nie hätten sie diese verlassen dürfen. An einem der Tatorte fand sich dieser Tage ein Bekennerbrief, in dem es hieß, die Befreiung habe unter Einsatz einer Montgolfiere stattgefunden. Ernst ist es freilich auch manchen Zwergenbesitzern: In der Normandie erhob einer Klage wegen Diebstahls, ein anderer aus dem Loiretal erwägt, verminte Gartenzwerge als Köder aufzustellen.

Die Sicherheitskräfte ihrerseits sind mißtrauisch und rätseln, ob die Aktion dazu diene, von einer andern, womöglich noch ernsteren Absicht abzulenken.

Es zeigt sich, daß der Gartenzwerg keine rein deutsche Domäne ist. Lexika wie Larousse und Hachette teilen hierzu mit, der deutsche Zwerg sei religiösen Ursprungs, ähnlich wie Feen, Nixen und Elfen, und ein vorwiegend kleinbürgerlicher Hausgenosse. Sein französischer Vetter, der nain de jardin, schaufelt hingegen ausschließlich in Gärten von Proletariern. Entscheidend jedoch: Zwerge französischer Provenienz schauen, anders als die ewiggrinsenden Disney-Brüder, meist traurig in die Welt. Vermutlich beflügelt gerade dieser Ausdruck die Befreiungsfront.