Neulich im InterCity: der Sitcom-Autor aus dem Ruhrgebiet auf dem Weg nach Köln, zur Arbeit. Die Mundwinkel hängend, das Haar zerwühlt, den Jackenkragen hochgeschlagen.

"Ich arbeite momentan für drei verschiedene Sender", berichtet der Humorschaffende. "Bei RTL bist du nichts als eine Comedy-Maschine, kriegst ordentlich Kohle, und sie werfen weg und schreiben um, wie es ihnen paßt. Beim WDR ist nie jemand zuständig, aber wenn am Ende doch ein Honorar kommt, ist es immerhin ordentlich." Bei Erwähnung des dritten Abnehmers hellt sich das Gesicht für Momente auf: "In Bremen geht alles wie von selbst. Du ackerst wie blöde und fühlst dich wie im Urlaub." Nur leider habe das winzige Radio Bremen nicht genug zu tun für Leute wie ihn.

Wenn es nach Udo Reiter, dem amtierenden ARD-Vorsitzenden und Intendanten des Mitteldeutschen Rundfunks geht, hat der kleinste ARD-Sender bald gar nichts mehr zu tun. Reiter hat vergangene Woche den Intendanten-Kollegen zunächst vertraulich und den Medien anschließend öffentlich vorgetragen, was sich anhörte, als hätten es die Staatskanzleien in München oder Dresden diktiert: Die ARD müsse endlich kleiner werden. Und da man die Hoffnung längst verloren hat, die großen Anstalten könnten nachhaltig Personal abbauen oder im Umgang miteinander Egoismen aufgeben, sollen nun zunächst einmal die drei kleinsten Sender den Schrumpfungswillen der ARD signalisieren.

Das könnte vergleichsweise leicht geschehen. Denn der Saarländische Rundfunk, der Sender Freies Berlin und Radio Bremen werden von den finanzstärksten Anstalten über einen Finanzausgleich mitgetragen. Analog zum Länderfinanzausgleich zwischen den Bundesländern. Von den 9,4 Milliarden Mark Gebühren werden auf diese Weise 1,9 Prozent umverteilt. Radio Bremen erhält per Umlage 85 Millionen Mark jährlich - etwa die Hälfte seines Jahresbudgets. Die laufende Vereinbarung endet am 31. Dezember 2000.

Bremens Intendant Karl-Heinz Klostermeier wetterte zwar pflichtbewußt zurück, daß sein Leipziger Amtskollege Reiter sich zum "Vernichtungsgehilfen der Politik" mache - die populistische Frage aber, warum ein Bundesland mit zwei Städten und nicht einmal 700 000 Einwohnern einen eigenen Sender mit sage und schreibe vier Radioprogrammen brauche, läßt sich durch solches Geplänkel nicht mehr aus der Welt schaffen. Dem Gebührenzahler in Karlsruhe oder Jena müßte man bessere Argumente anbieten, warum ausgerechnet Bremen so zu verwöhnen sei. Andererseits: Würde wirklich Geld gespart, wenn man Radio Bremen mit dem NDR fusionierte und zum Landesfunkhaus umwandelte? Bei der bevorstehenden Zusammenlegung von Südfunk und Südwestfunk etwa rechnet auf absehbare Zeit niemand mit Kostensenkungen.

Programmdirektor Rüdiger Hoffmann, ehemals "Tagesthemen"-Moderator und von seinen ARD-Kollegen derzeit zum "Unterhaltungs-Koordinator" des Ersten bestellt, rechnet denn auch genüßlich vor, daß der Einspareffekt marginal sein könnte: "Wir erhalten von der ARD 85 Millionen Mark. Die 35 000 Fernsehminuten aber, die wir jährlich für das Erste und für Nord-3 produzieren, haben einen Gegenwert von rund 50 Millionen. Weitere 15 Millionen erhält die ARD von Radio Bremen als Kostenanteil für Gemeinschaftsleistungen wie ,Tagesschau', Sportrechte oder die ,Lindenstraße'." Die Differenz von dann noch 20 Millionen zur Finanzausgleichssumme ergebe sich, wenn man Radio Bremen zumindest einen Teil jener Gebühren aus dem politisch schon zu Niedersachsen gehörenden, aber völlig auf die Metropole Bremen fixierten Umland zugestehe. Bremen rechnet sich ein Einzugsgebiet von 2,3 Millionen Menschen zu.

Aber im Gegensatz zum sechzigjährigen Intendanten Klostermeier, der gelassen darauf setzt, daß die Politik sich letztlich doch irgendwie auf eine Fortschreibung der Alimente für Radio Bremen einigen werde, möchten Programmacher wie Fernseh-Chefredakteur Michael Geyer oder Hörfunkwellen-Chef Christian Berg das Schicksal des Senderstandorts nicht mehr solchen Zahlenspielen überlassen. Grimme-Preisträger und Talkmaster Berg hatte sich schon vor Jahresfrist mit der Belegschaft des Senders angelegt, als er in einem Pamphlet vor dem Bremer Presseklub die Beamtenmentalität der Anstaltskollegen anprangerte. Berg hatte - bewußt polemisch - ein Runterfahren des Senders von heute knapp 650 Festangestellten auf rund 50 gefordert. "Wir in Bremen könnten eher als andere Sender beweisen", meint Berg, "daß das öffentlich-rechtliche System besser ist als alle anderen. Aber wir brauchen öffentlich-rechtliche Inhalte, keine Anstaltsstrukturen."

Berg plädiert zwar, wie Geyer und Hoffmann, für "den Erhalt der Arbeitsplätze am Standort Bremen". Aber die drei diskutieren inzwischen die Überführung Radio Bremens in "ein teilweise privatisiertes Dienstleistungscenter für die ARD". Programmdirektor Hoffmann skizziert das radikale Modell so: "Wir könnten künftig die Grundversorgung in regionalem Radio und Fernsehen aus unseren Gebühren und der Werbung bestreiten. Der Produktionsbetrieb wird als Tochterunternehmen privatisiert und übernimmt als TV-Manufaktur Dienstleistungen für die ARD. Dann gibt es statt eines Finanzausgleichs einen von der ARD garantierten Jahresumsatz." Und natürlich, so Hoffmann, Geyer und Berg, könnte diese Produktionsagentur daneben auch fürs ZDF oder für RTL arbeiten.

Vor einigen Jahren wäre den Bremern ein solcher Coup aus dem Stand heraus zuzutrauen gewesen. Während der kleine SFB überwiegend durch Skandalgeschichten und der kleine Saarländische Rundfunk allenfalls durch seinen "Tatort"-Kommissar Pauli und seinen smarten "Sportschau"-Moderator Werner Zimmer auffiel, wurde Radio Bremen geradezu als Piratensender unter den behäbigen Dickschiffen der ARD angesehen. "Beat-Club", "Rudi-Carrell-Show", "Loriot", "Musikladen", "Drei nach neun" oder "Extratour" galten als Speerspitze der TV-Unterhaltung. Und durchaus nicht nur durch den Einsatz barbusiger Go-go-Girls. Neben Carrell und Loriot brachte der Minisender Schreinemakers, Kerkeling, Wontorra, Karl Dall oder Harald Schmidt lange vor deren Wechsel zu den Privaten groß raus.

Doch die Lorbeeren sind welk. Auch die "Unterhaltungskader der 68er Generation" sind müde geworden. Die zweiköpfige Unterhaltungsredaktion etwa hat nach dem mit Fernsehpreisen überhäuften Kerkeling-Spektakel "Total normal" keine jener organisierten Provokationen mehr auf den Schirm gebracht, mit denen Radio Bremen in den siebziger und achtziger Jahren zum Kleinod unter den ARD-Sendern wurde. Die erfolgreichste ARD-Vorabendserie "Nicht von schlechten Eltern", die Dokumentarreihe "Unter deutschen Dächern" und den Quotenhit "Der Richter und das Mädchen" zählt Hoffmann als heutige Highlights auf. Nichts aber, was noch die rotzfreche Unverwechselbarkeit früherer Jahre hätte. Trotzdem hat die ARD nirgendwo so hohe Marktanteile wie im Sendegebiet von Radio Bremen, wo das "Erste" noch Marktführer ist.

Dennoch: Der kleinste ARD-Sender hat so viele Festangestellte wie Europas reichster Privatsender, RTL. Fernseh-Chefredakteur Michael Geyer beklagt, "daß wir fast unser gesamtes Geld in Gehälter und Pensionen stecken müssen, so daß kaum etwas übrigbleibt, um es in jüngere Leute von draußen mit frischen Ideen zu investieren".

Geyer beschreibt damit freilich das Grundproblem aller ARD-Sender. Beim gebührenreichen WDR etwa versandeten vier Pläne von Geyers Amtskollegen Nikolaus Brender für die dringende Umgestaltung des chronisch unerfolgreichen dritten WDR-Programms. Wegen mangelnder frei verfügbarer Finanzen mußte Brender verzichten. Kein Wunder angesichts über 4000 hungriger Mäuler, die jeden Monat zu stopfen sind. "Die Situation bei allen anderen Sendern", sagt Intendant Klostermeier, "ist nicht anders als bei uns. Nur daß das Territorium von Radio Bremen zufällig ein bißchen kleiner ist."

Das wird Radio Bremen freilich wenig helfen. In der vergangenen Gebührenrunde der Ministerpräsidenten besaß die ARD-Lobby noch das Faustpfand der "Konzentrationskontrolle" für die Privatsender. Als Gegenleistung für dessen Hergabe, wodurch Kirch und Bertelsmann nahezu unbegrenzte Entfaltungsmöglichkeiten zuwuchsen, gab es die Anhebung der Gebühren. Beim nächsten Mal, so vermuten nicht nur die Bremer, sollte der Lobby der Privatsender eine Verkleinerung der ARD von jetzt elf auf sechs bis acht Sender feilgeboten werden.

Den Intendanten der großen ARD-Sender ist dieses Bauernopfer mehrheitlich lieber, als etwa in den eigenen Häusern drastisch Arbeitsplätze abbauen zu müssen. Die Entsolidarisierung der ARD-Sender scheint als Zwischenschritt zur nach wie vor angepeilten Auflösung des ARD-Gemeinschaftsprogramms geglückt. Ein Ziel, für das sich gleichsam eine große Koalition zusammengefunden hat - vom privatisierungsgläubigen bayerischen Regierungschef Edmund Stoiber bis hin zur nordrhein-westfälischen SPD, die allein den eigenen Standortinteressen folgt.

Und selbst WDR-Intendant Fritz Pleitgen, der noch vor einem Jahr vollmundig verkündete, den Finanzausgleich für Radio Bremen zur Not allein bezahlen zu wollen, war dieser Tage zum Thema Finanzausgleich nicht mehr zu sprechen.