ZEIT: Allerorten in Europa wird derzeit über die mangelnde Innovationsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft geklagt. Läßt sich diese Kreativitätslücke kurzfristig beheben?

Guntern: Kurzfristig sicher nicht. Da sind seit langem strategische Fehler gemacht worden. Europas Wirtschaftselite hat sich zu lange kritiklos an den USA orientiert. Im Rahmen des sogenannten rationalen Managements wurde eine Mode nach der anderen übernommen, um Produktivität und Profitraten zu erhöhen - ob die nun just-in-time, total-quality-management, benchmarking, customer orientation oder outsourcing hießen. Diese in den Staaten hochgepriesenen Methoden wurden in Europa wie Fetische behandelt.

ZEIT: Und jetzt funktioniert das nicht mehr.

Guntern: Richtig. Nur ein Drittel dieser Veränderungsprogramme erreicht annähernd sein Ziel. Die Halbwertzeit dieser Handwerkszeuge wird immer kürzer, in den Unternehmen jagt eine Methode die andere. Das Resultat sind erschöpfte Mitarbeiter, denen man Imagination, Intuition und Motivation - also die Voraussetzungen für kreative Leistungen - abgewürgt hat.

ZEIT: Da muß man ja verzweifeln.

Guntern: Nötig ist eine langfristige Strategie, die Europa von dieser sklavischen Nachäfferei amerikanischer Managementmethoden wegbringt. Unsere Führungskräfte müssen wieder mit dem eigenen Kopf denken.