Ein Bergdorf mit Burgruine (wie Hunderte in der Toskana). Ein Provinznest quasi ohne Erwerbstätige. Die sind in die Städte geflüchtet (wie überall in der tiefen Provinz). Ein sehr schöner Flecken, in dem schon mal wohlhabende Römer alte Bauernhäuser als Sommerresidenz aufkaufen, malerisch gelegen (wie viele andere in Italien). Doch Montemassi hat etwas, was kein anderes Dorf in der Umgebung hat: Seine Burgruine ist verewigt auf einem Fresko von Simone Martini. Dieses Fresko, das im Palazzo Pubblico von Siena zu sehen ist, gilt als das erste großformatige Landschaftsbild schlechthin und stellt für Kunsthistoriker eine bedeutende Wende in der mittelalterlichen Malerei dar. Darum haben auch Berg und Burg von Montemassi Bedeutung erlangt.

Alles fing mit einer Anzeige an. "Wohnungen zu verkaufen - neben Burg - ab 108 000 000 Lire" (etwa 108 000 Mark). Rund 200 Meter Luftlinie leicht unterhalb des berühmten Bauwerks liegt der Hügel, der für das Vorhaben ausersehen wurde. Es ist auf Martinis Fresko jener zweite Berg mit dem Fort, von dem aus die Senesen unter Führung des Regionalhelden Guidoriccio da Fogliano die Festung von Montemassi erstürmten. Wie durch ein Wunder ist die 1328 gemalte Szenerie über die Jahrhunderte unverändert geblieben. Wer von Norden kommt, sieht - wie auf dem Fresko - zur Linken die heutige Burgruine, zur Rechten den zweiten Hügel. Keine Siedlung, keine Straße verschandelt das Bild, das Dorf mit seinen Fernsehantennen liegt hinter dem Berg.

Daß eine Baufirma auf kunsthistorisch bedeutungsvollem Boden Ferienhäuser hochziehen will, ist soweit nichts Besonderes in Italien. Nichts Besonderes in einem Land, in dem Tankstellen an alte Stadtmauern geklatscht, ganze Küstenstriche zubetoniert werden und eine prächtige Hafenpiazza wie die von Genua eine Stadtautobahn auf Betonpfeilern aufgepflanzt bekommt. Doch noch nie in der Geschichte des modernen Italien hat sich ein Prominenter für einen Landstrich, der auf einem Fresko erscheint, eingesetzt und ist obendrein mit seiner Kampagne bis in die grauen Flure der römischen Regierungsmacht vorgedrungen.

Der Pionier heißt Carlo Fruttero, ist Krimiautor, Romancier und Satiriker, Urheber auch in Deutschland viel gelesener Romane wie "Die Sonntagsfrau", "Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz", "Das Geheimnis der Pineta" oder "Der Palio der toten Reiter" - alles Bücher verfaßt mit seinem Koautor Franco Lucentini. "Die Firma", wie die beiden lapidar genannt werden, hat sich nicht zuletzt durch ihre gewitzt spitzen Töne einen Ruf gemacht. Sei es die High-Society norditalienischer Industriellenfamilien oder die italienische Fernseh- und Konsumgesellschaft an sich - nichts und niemand wird in Italien von den beiden Literaten verschont, deren Krimis sich schnell als ein erbarmungsloses j'accuse entpuppen.

Am 1. September vergangenen Jahres schlug Fruttero in einem Artikel in der Turiner Stampa Alarm (unterschrieben, wie immer, im Doppelpack Fruttero/Lucentini). Da war aus der Feder der Krimiautoren von einem bevorstehenden Mord an einer der berühmtesten Landschaften Italiens die Rede, den es zu vereiteln gelte: Eine Lawine der Polemik kam ins Rollen.

Ortstermin im Hause Fruttero in Turin. Die Gesichtszüge des dottore, wie ihn die Nachbarn nennen, sind wie holzgeschnitten, Augen und Antlitz die eines weisen, eines würdigen Mannes. So muß ein Humanist aussehen. Im Salon seines geräumigen Appartements erzählt er, wie die kanadische Frau eines römischen Architekten ihn aus ihrem Sommerdomizil in Montemassi auf das Bauvorhaben aufmerksam machte. Daraufhin schrieb Fruttero den Artikel in der Stampa, bei der er auch als Journalist tätig ist. Künstler, Intellektuelle und Journalisten aus der ganzen Republik taten sich nun zusammen, schrieben Petitionen, sammelten Unterschriften und faxten das Ganze an das Ministerium für Kultur- und Umweltgüter, wie das Kultusministerium in Rom heißt. Die angesehene Repubblica aus Rom zog mit und veröffentlichte einen ganzseitigen Artikel zu dem Thema.