Das Übernatürliche zeigt sich beiläufig, ebenso machtvoll wie unergründlich. Die Frage nach dem Wie oder Warum ist allein eine europäische. In Schwarzafrika gibt es selbstverständlich Auserwählte, die durch Magie töten können, ohne Hand anzulegen oder Gift zu verabreichen. Auferstehende, die sich in Trance begraben lassen und ohne fremde Hilfe wieder auf die Erde gelangen ("Zombies"). Vorsicht vor Leuten, die dir freundlich die Hand reichen - vielleicht fehlen dir plötzlich die Geschlechtsteile. Das Strafgesetzbuch von Benin sieht in Paragraph 264 Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren vor "für jedwede Person, die sich an Handlungen beteiligt, die den Ablauf der Regenzeit verändern". Dennoch gehören Regenmacher in Benin und entlang der westafrikanischen Küste zum Alltag.

"Wenn du ein Fest gibst zum Beispiel, dann mußt du damit rechnen, daß ein mißgünstiger Nachbar einen Regenmacher beauftragt, deine Feier zu ruinieren. Mein Zauber aber ist stärker, er verhindert jeden Regen. Links und rechts kann es in Strömen gießen, aber dein Garten bleibt trocken." René D., ein praktizierender Katholik, gehört zu den bekanntesten Regenverhinderern in Cotonou, der Wirtschaftsmetropole und De-facto-Hauptstadt Benins. Zu seinen Kunden gehören Theatergruppen, Konzertagenturen und vor allem Privatleute. "Ich grabe ein Loch und versenke dort Blätter, deren Zusammensetzung mein Geheimnis ist. Darüber schichte ich Holz und entzünde ein Feuer, dessen Rauch dank der verbrennenden Blätter den Regen verhindert."

Und das funktioniert? "Immer. Ich mache das seit Jahren. Mein Großvater hat mich initiiert. Es braucht viel Übung. Man muß eins werden mit den Kräften der Natur und sich schützen vor ihrer Strafe, weil man sie stört. Eine in weißes Tuch gehüllte Holzpuppe verhindert, daß mich während der Zeremonie ein Blitz trifft." An der Macht des Übernatürlichen zweifeln offenbar auch die Vertreter irdischer Macht nicht ernsthaft. Als vor drei Jahren US-Vizepräsident Al Gore Cotonou einen Kurzbesuch abstattete, engagierte der amerikanische Botschafter einen Kollegen von René D., damit der Empfang im Garten seiner Residenz nicht ins Wasser fällt.

Solche Magie oder Zauberei ist nicht zu verwechseln mit den Riten und Ritualen des religiösen Kultes Vodoun, doch sind sie beide zurückzuführen auf eine gemeinsame Kosmologie: den Glauben an übernatürliche Kräfte, die das Leben des einzelnen oder der Gesellschaft maßgeblich bestimmen, im Guten und im Bösen. In Benin werden - wie in vielen Ländern Schwarzafrikas - Glück, Erfolg, Reichtum oder Macht ebenso wie ihre Antipoden Unglück, Mißerfolg, Elend oder Tod erklärt mit dem Wirken magisch-religiöser Kräfte. Wer Erfolg hat, muß sich schützen vor dem Zauber des Neiders. Wer überraschend stirbt, wurde womöglich vergiftet.

Doch der Mensch ist der Macht des Okkulten nicht hilflos ausgeliefert, er kann sie bändigen und kontrollieren - diese Gewißheit ist vor allem in Westafrika weit verbreitet. Die Angst vor dem Unerklärlichen gebiert in der Regel Religion. Vodoun, in Europa besser bekannt unter der englischen Bezeichnung Voodoo, ist eine ihrer animistischen Varianten. Eine von Geistern und Ahnen beseelte Naturreligion, die das vorherrschende Glaubenssystem der Küstenethnien vom westlichen Nigeria bis in den Osten Ghanas bildet. Ihr historisches und geographisches Zentrum ist der Süden Benins, das ehemalige - vorkoloniale - Königreich Dahomey. Da sich dessen Herrscher seit dem 16. Jahrhundert europäischen Sklavenjägern als Lieferanten anboten, wurde die Hafenstadt Ouidah, westlich von Cotonou, einer der Hauptumschlagplätze des "schwarzen Goldes" in Westafrika. Durch den über drei Jahrhunderte andauernden Sklavenexport von Ouidah gelangte Vodoun in die Neue Welt und verbreitete sich, oft unter anderen Namen, in Brasilien und der Karibik, insbesondere Haiti, aber auch im Süden der USA. New Orleans gilt heute als Metropole des amerikanischen Voodoo. Die dortigen Praktiken und Rituale haben mit dem ursprünglichen Vodoun wenig gemein. Aber in der Vorstellungswelt säkularer Gesellschaften wurde Voodoo zum Inbegriff magisch-blutigen Schreckens und lieferte immer wieder Vorlagen für Gruselfilme oder entsprechende Romane.

"Eine klare Definition von Vodoun gibt es nicht", erklärt der beninische Soziologe Lazar Sehoueto. "Vodoun ist schwer zu fassen, weil er Hunderte von Formen annehmen kann, kein Dogma und keine Heilige Schrift kennt. Es gibt lediglich ein Ensemble von teilweise sehr unterschiedlichen, sich aber umgekehrt auch immer wieder überlagernden Glaubensvorstellungen, die als gleichwertig akzeptiert werden." Über die Entstehung und frühe Geschichte von Vodoun ist nichts bekannt. Der Begriff kommt aus der südbeninischen Fon-Sprache und bedeutet Religion, Kult, Gottheit oder den entsprechenden Plural. "Als spirituelles Prinzip", meint Lazar Sehoueto, "lassen sich drei Ebenen unterscheiden. Zum einen ist Vodoun ein Ahnenkult. Die Seelen von Verstorbenen werden vergöttlicht und materialisieren sich etwa in Form eines Hausaltars. Dann gibt es eine Metamaterie: Skulpturen, die von Menschen erschaffen und verehrt werden, also nicht von sich aus bereits Sitz einer Gottheit sind. Und schließlich können Gegenstände in der Natur einen bestimmten Vodoun erhalten. Ein Baum, ein Wald, der Regenbogen, Blitz und Donner, aber auch eine Krankheit wie die Pocken können als Sitz einer Gottheit angesehen werden."