Eine Altherrenstimme im Altdamenenglisch, mitteleuropäischer Akzent: "Gentlemen, the Diminuendo should have more charme." Die Gentlemen versuchen es noch einmal, Dr. Walter, wie die Musiker sagen, dirigiert weiter, schmettert später noch ein "Sing!" in die Noten, und Mozarts Linzer Symphonie entschwebt in den Musikantenhimmel des Columbia Symphony Orchestra.

Die "Birth of a Performance", 1955 aufgenommen, ist ein Hörfund eigener Art, halb Workshop, halb Wunder. Aber auch, das kann der Charme des Wolfgang Amadé keinen Takt lang vergessen machen, das Produkt des Horrors. Denn Bruno Walter, 1876 in Berlin geboren, hätte zwar auch ohne Adolf Hitler die großen Orchester der Welt geleitet, aber er wäre nicht als US citizen in Beverly Hills gestorben (1962).

Die Exilforschung ist ein, unnaturgemäß, großes Gebiet mit vielen Verzweigungen oder auch Schicksalen. Sie hat sich bisher vorwiegend auf die Literatur, die Sozial- und Naturwissenschaften und die Musik konzentriert. Die Kunst wurde, wie's oft so war und ist, eher am Rande liegengelassen. Nur in Hamburg gibt es seit 1989, am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität und im Warburg Haus untergebracht, ein Archiv zur Erforschung der Emigration der Kunstwissenschaftler (rund 250 Kunsthistoriker wurden in der Nazizeit ihrer Ämter enthoben). Und der amerikanischen Kunsthistorikerin und Chefkuratorin des Los Angeles County Museum Stephanie Barron blieb es vorbehalten, mit einer Serie von Ausstellungen und Katalogen das Thema Kunst in der Emigration ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Was 1991 mit der überwältigenden Ausstellung "Entartete Kunst - das Schicksal der Avantgarde im Nazideutschland" anfing und mit Blick auf die von deutschen Kollegen wenig wahrgenommenen Themen wie "Die Holzskulptur des Expressionismus" oder "Expressionismus - die zweite Generation" fortgesetzt wurde, kulminiert nun in der soeben eröffneten Ausstellung "Exiles + Emigrés - Die Flucht europäischer Künstler vor Hitler". 130 Arbeiten von 23 Künstlern, Architekten und Photographen si nd zu sehen - der Rest ist Lektüre, nicht nur des Katalogs, sondern auch von Max Beckmanns Tagebüchern, Lionel Feiningers Briefen, Thomas Manns Erinnerungen, Erwin Panofskys (seine kunsthistorische Karriere begann in Hamburg) Aufsätzen über "Meaning in the Visual Arts", die 1975 ins Deutsche übersetzt wurden.

"Die Immigranten . . . aus ihrer Heimat vertrieben durch die Gewalt von Adolf Hitler, erwiesen sich als eine Gabe von historisch einmaliger Generosität - groteskerweise von Feind zu Feind", schreibt Franz Schulze, selber ein Emigrant, über Amerikas Ernte vom deutschen Baum, die nicht nur und nicht überall willkommen war.

Vieles und, nach Goldhagen, viel Differenzierendes ist zu lernen aus dieser Ausstellung (und dem Katalog), die ab 9. Oktober (!)

in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen sein wird.