Berlin-Kreuzberg am Freitag abend. In den Himmel über der Heiligkreuzkirche ragt ein Lichtdom. Blitze tanzen im Techno-Rhythmus um das rote Backsteingemäuer und schmücken den Sakralbau mit dem Glamour einer Megadisco. In der Apsis, dort, wo gewöhnlich das Auge Gottes auf die Gemeinde herabschaut, erstrahlt das Logo der Twentieth Century Fox.

Berlinalezeit ist Partyzeit. Das Kino feiert sich selbst, und nichts ist ihm heilig. Ein Freibeuter, der sich die Klassiker aneignet (wie "Shakespeares Romeo und Julia", dessen Premierenfeier in der Kirche stattfand), die Geschichte umschreibt, die Gegenwart bannt und die Zukunft vorwegnimmt. Ein Blendwerk, das in den besten Fällen die Blasphemie riskiert, die dem Augenschein nicht traut, und die Anmaßung wagt, die die Wirklichkeit beschlagnahmt und bedenkenlos neu erfindet. Der Skrupel war schon immer ein schlechter Regisseur. Auf den 47. Internationalen Filmfestspielen Berlin beherrschte er trotzdem die Leinwand.

Die Schülerin: Warum lernen wir nichts über die Geschichte von heute? Eine andere: Weil sie noch keine Geschichte ist. Aber eure Kinder, so die Lehrerin, werden euch danach fragen. Die Lehrerin heißt Lucie Aubrac (Carole Bouquet), sie hat in der Résistance gekämpft und ihren Mann Raymond (Daniel Auteuil) zweimal aus dem Gefängnis befreit, indem sie die Obrigkeit mit Wagemut und schönen Kleidern betörte. Claude Berri hat die Historie zum Kostümfilm zurechtgestutzt, mit bösen Nazis aus dem antifaschistischen Bilderbuch und Untergrundkämpfern, deren Widerstandsgeist sich an der Kombination von schmalen Lippen und herzensguten Augen ablesen läßt. "Lucie Aubrac" gebührt der Preis für die biederste Geschichtsstunde des Festivals. Tadellos, setzen!

"Rosewood" ist schlimmer. John Singleton flambiert eine wahre Geschichte aus Florida. Dort behauptete im Jahr 1922 eine weiße Frau, von einem Schwarzen mißhandelt worden zu sein. Die Folge: ein Pogrom, bei dem das Dorf Rosewood ausradiert wird. Die Lunte des Verdachts entfacht einen Schwelbrand, der sich zum Inferno ausweitet, bis die Leinwand effektvoll in Flammen steht. Ving Rhames, dem Helden dieser Antirassismus-Schnulze, gebührt eine Trophäe für den besten Kraftakt der Berlinale: Rhames baumelt halbtot am Galgen und befreit seinen Kopf eigenhändig aus der Schlinge. Szenenapplaus.

Spike Lees neueste Unterrichtseinheit aus der Fibel für schwarze Kids heißt "Auf engstem Raum". Im Herbst 1995 rief der Black-Muslim-Führer Louis Farrakhan schwarze Männer zum "Million Man March" nach Washington.

Lees Film versammelt einen Bus voller African Americans auf dem Weg zur Demonstration: den alten Jeremiah mit dem Blues im Blut und den unbedarften Filmstudenten, den Cop und den Exgangster, den Schwulen, den Schwulenhasser und den jugendlichen Straftäter, der aufgrund einer Gerichtsverfügung an seinen Vater gefesselt ist. Ein Typenkabinett voller Minderheiten, sorgsam quotiert zum Zweck der Moralpredigt. Gewalt, Religion, Klassenkampf, Generations- oder Frauenfrage: kein Problem, das die Fahrgäste nicht ausdiskutierten.

Am Ende verpaßt die Bus-Gemeinde zwar den Marsch, versammelt sich aber versöhnt zum Gebet. Halleluja, Amen.