Jerusalem Gewundert hatten sich fast alle, als Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Justizminister Hanegbi am 10. Januar ausgerechnet Roni Bar-On zum neuen Generalstaatsanwalt und Rechtsberater der Regierung ernannten. Dem Kabinett und der Bevölkerung war der Mann, wenn überhaupt, als Fußballclubchef und Funktionär der Likud-Partei bekannt, jedoch nicht als begabter und integrer Jurist. Völlig ungeeignet! riefen die Kritiker - und schon nach 55 Stunden gab Bar-On das hohe Amt wieder ab. Danach kehrte Ruhe ein. Bis zum 22. Januar. An jenem Tag brachte das erste Programm des israelischen Fernsehens den vielleicht größten Korruptionsskandal in der Geschichte Israels ins Rollen. Die Polizei ermittelt. Im Zentrum befindet sich Arie Deri, der Vorsitzende der orientalisch-orthodoxen Schas-Partei.

Er soll die umstrittene Ernennung Bar-Ons erpreßt haben. Deri mußte 1993 wegen einer Korruptionsanklage als Innenminister zurücktreten seither steht er vor Gericht. Bar-On soll er den Posten unter einer Bedingung versprochen haben: Als Generalstaatsanwalt müsse er dafür sorgen, daß Deri seinen Prozeß ohne politischen Schaden übersteht und künftig wieder Minister sein darf. Im Gegenzug für die Ernennung Bar-Ons soll Deri der Regierung zugesichert haben, daß die beiden Schas-Minister sowie alle zehn Schas-Abgeordneten für das Hebron-Abkommen mit den Palästinensern stimmen. Ohne diese Unterstützung hätte Netanjahu um eine Mehrheit im Kabinett fürchten müssen.

Politisch entscheidend ist nun die Frage: Hat Benjamin ("Bibi") Netanjahu von den Machenschaften vorher gewußt? Während seiner ersten Vernehmung machte sich der Regierungschef durch Erinnerungslücken verdächtig. Eine weitere Befragung steht ihm bevor. Sollte er tatsächlich in die Affäre verwickelt sein, könnte er des "Vertrauensmißbrauchs" angeklagt werden. Nach israelischem Recht ist damit Irreführung der Öffentlichkeit gemeint - ein schwerwiegender Vorwurf. Spötter sprechen in Anspielung an die Watergate-Affäre, über die seinerzeit der amerikanische Präsident Nixon stürzte, von "Bibigate".

Einstweilen beschuldigen sich Regierungschef und Justizminister gegenseitig. Netanjahus Rechtsanwalt Jacob Weinroth behauptet, Tzachi Hanegbi habe dem Ministerpräsidenten fälschlicherweise versichert, Bar-On sei mit Zustimmung des Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs berufen worden. Der hingegen erklärte der Polizei, daß er dem Justizminister unmißverständlich von der Ernennung abgeraten habe. Genau das habe er Netanjahu auch mitgeteilt, behauptet wiederum Hanegbi. Und weiter: Der Regierungschef sei viel tiefer in die Ernennung Bar-Ons verstrickt als er. Einer muß also lügen. Um herauszufinden wer, durchsuchte die Polizei am Dienstagabend dieser Woche die Büroräume Bar-Ons und beschlagnahmte mehrere Kisten mit Akten.

Nun wackelt die gesamte Regierung. Drei Minister sollen mit Rücktritt gedroht haben, auch für den Fall, daß die polizeiliche Untersuchung Netanjahu von jeglichem Verdacht freispricht und - schlimm genug - seinen Justizminister oder andere Mitarbeiter überführt. Das neue Wahlrecht allerdings gibt Benjamin Netanjahu mehr Halt als seinen Vorgängern: Er wurde direkt gewählt. Selbst bei einer Anklage braucht er nicht zurückzutreten. Er muß erst eines unehrenhaften Verbrechens überführt worden sein, damit ihn das Parlament abwählen kann. Trotzdem rüsten sich Mitglieder der Opposition bereits vorsorglich für Neuwahlen.

Netanjahu, dem seit seinem Amtsantritt der Ruf eines Amateurs anhaftet und der von Parteikollegen jüngst als "zu links" kritisiert wurde, muß die ganze Affäre nicht unbedingt schaden. Im Gegenteil: Viele seiner Wähler klagen nicht ihn, sondern die Medien an - die versuchten mit der Enthüllung von Deris angeblichen Machenschaften die Regierung zu diskreditieren. Das ist ganz im Sinne Netanjahus.

Er hält alle israelischen Journalisten für natürliche Feinde aus dem gegnerischen Lager, die ihn mit allen Mitteln bekämpften.