(I)

Keinen Moment war es unklar, wo meine Sympathien lagen, als mir ein Kollege auf dem Weg vom Parkplatz zu unserem gemeinsamen Department von Sokals Jux erzählte. Statt nach Gefühlen möglicher Solidarität mit den von diesem Witz wieder einmal öffentlich gebeutelten Geisteswissenschaften zu suchen, denen ich - nicht selten zu meinem Bedauern - selbst angehöre, statt mich also gleichsam standesgemäß zu verhalten, war ich einfach schadenfroh. Denn Social Text ist eine in salbungsvollem Ton gehaltene akademische Zeitschrift, bei der schon der Titel längst peinlich gewordene Dogmen der Studentenrevolution (meiner eigenen Studentenvergangenheit) hochhält: "alles ist Text" (mit etwas anderem als Texten umzugehen, haben wir nie gelernt), und "alles ist sozial" (diese Annahme scheint uns dazu zu berufen, beständig ungefragt über anderer Leute Angelegenheiten nachzudenken und zu reden.)

Außerdem bewies die Veröffentlichung von Alan Sokals ja willentlich plumper Parodie im Status eines wissenschaftlichen Essays, daß all jene Vorurteile - zumindest - auf manche Geisteswissenschaftler zutreffen, welche so viele Geisteswissenschaftler mit dem Ressentiment von armen Verwandten gegenüber den Naturwissenschaftlern hegen. Die Herausgeber von Social Text verhielten sich arrogant, weil sie es nicht für nötig hielten, das Urteil von Naturwissenschaftlern vor der Veröffentlichung eines Beitrags mit naturwissenschaftlichem Inhalt einzuholen. Sie agierten mit der Herablassung eitler Dorfschulzen, als sie in ihrer eigenen kleinen Welt einem in der Welt der Naturwissenschaften vermeintlich Marginalisierten (nota bene: keinen höheren Wert gibt es für die internationale Gemeinschaft der politisch Korrekten als den des Marginalisiertseins) zu Wort verhelfen wollten, "ihm eine Stimme gaben", wie es im eingschlägigen Jargon heißt. Vor allem aber war Social Text natürlich in jedem möglichen Sinn dieses Wortes unkritisch gewesen, was deshalb etwas Vernichtendes hatte, weil Geisteswissenschaftler ja nicht selten die Existenzberechtigung ihrer Fächer mit dem selbstzugeschriebenen Verdienst unter Beweis zu stellen versuchen, "kritischen Geist" zu kehren gegen den Positivismus der Naturwissenschaftler (der Kapitalisten, der Verbraucher, kurz: des bösen Rests der Welt).

Schon der Titel von Sokals Text war ein kleines Meisterstück, an dem ich mich gar nicht sattlesen konnte: "Transgressing the Boundaries: Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity". Es gibt, muß man wissen, heute kaum einen geisteswissenschaftlichen Publikationstitel in den Vereinigten Staaten, der nicht eine Verlaufsform (transgress-ing, invent-ing, imagin-ing, queer-ing sind die Lieblingswörter) mit der Präposition toward verbindet, was wohl auf Teilhabe an einer populärhegelianischen Dynamik des nach vorne gerichteten Progressiven verweisen soll. Im atemlosen Ehrgeiz, seiner eigenen Zeit voraus zu sein, müssen dann beständig Grenzen überschritten und Welten transformiert werden, und das erzeugt mit logischer Notwendigkeit den so erstrebenswerten Nebeneffekt der Selbst-Marginalisierung. "Hermeneutik" schließlich bedeutet für die fortschrittlichsten amerikanischen Geisteswissenschaftler (noch eindeutiger vielleicht als für ihre europäischen Glaubensbrüder), daß man die Dinge "so" sehen kann - aber, falls "so" nicht paßt, dann eben auch "ganz anders". Wenn einem zum Beispiel die Quanten-Dynamik der normalen (also nicht-marginalisierten und schon allein deshalb verdächtigen) Naturwissenschaft nicht gefällt, kann man sich unter dem Schild des Programmworts "Hermeneutik" auch flugs eine ganz andere Quanten-Dynamik zurecht-verstehen.

(II)

Ein paar Wochen lang war Alan Sokal also mein Held. Dann entdeckte ich leider eine Diskussion, in die er sich auf den Seiten von Lingua Franca verwickelt hatte , in einer Zeitschrift, welche die Weinerlichkeit von Social Text dadurch noch überbietet, daß sie weniger gegen den bösen Rest der nicht-geisteswissenschaftlichen Welt protestiert als im Namen der guten - weil marginalisierten - Geisteswissenschaftler gegen die bösen - weil besserverdienenden - Geisteswissenschaftler. "Seit einigen Jahren", hob Sokal in Lingua Franca an, "habe er mit Besorgnis einen Verfall der intellektuellen Qualitäts-Standards in den Geisteswissenschaften beobachtet." - "Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten", dachte ich da zum erstenmal, kümmere dich um Rüstungsaufträge zum Beispiel, um von der Laborforschung verursachte Umweltprobleme und um die niedrigen Bewertungen, welche naturwissenschaftliche Lehrveranstaltungen oft von amerikanischen Studenten bekommen. Wie sehr hätte ich meinen Helden Sokal bewundert, wenn er - mit zugleich utopischer wie nihilistischer Geste - für eine Abschaffung der Geisteswissenschaften plädiert hätte! Mit der stirnrunzelnden Sorge eines geisteswissenschaftlichen Amateurs hingegen (eines Amateurs, der, befürchte ich, in seiner Freizeit vielleicht auch noch Violine spielt) konnte ich nichts anfangen. Und es kam noch schlimmer. Ignorant, wie ich es bis dahin nur bei Geisteswissenschaftlern gesehen hatte, machte sich Sokal über ein paar Begriffe der jüngeren psychoanalytischen und philosophischen Diskussion her - über Lacans Begriff der jouissance etwa und über Derridas Begriff der différance, nur weil sie etwas komplizierter sind als das, was man sich alltagssprachlich zumutet. Vor allem aber vermischte Sokal unter dem Etikett "postmoderne literarische Theorie" ("literarisch" wurde wohl kursiviert, weil Sokal "literarisch" im Sinne von "fiktional" und "fiktional" im Sinne von "nicht ernst zu nehmen" versteht) alles, was ihm offenbar unsympathisch oder unverständlich war: Cultural Studies, Hermeneutik, Konstruktivismus, Dekonstruktion, Multikulturalismus.