Im Jahr 1295 kam ein abgerissener Typ nach Venedig und behauptete, er habe über zwanzig Jahre bei den Mongolen und den Chinesen verbracht.

Kein Mensch glaubte ihm. Auch als er mit Hilfe eines Verfassers von Ritterromanen, den er etwas später im Knast kennenlernte, seine Erinnerungen an das ferne Cathay zu Pergament gebracht hatte, schienen seine Geschichten selbst den wundersüchtigen Menschen des Mittelalters allzu weit hergeholt. Erst hundert Jahre später wurde Marco Polos Reisebericht aus der Feder des Pisaners Rustichello ein Bestseller und für wahr gehalten.

Daß dies nicht sein kann, wußte man schon lange. Jetzt hat Frances Wood, Leiterin der China-Abteilung in der British Library, alle Argumente, die in der langen Forschungsgeschichte zu Marco Polo vorgebracht wurden, noch einmal analysiert. Das Ergebnis ist nicht ganz so spektakulär, wie der deutsche Titel ihres Buches - "Marco Polo kam nicht bis China" - verheißt, doch spannend genug. Ihr Fazit: Es gibt gute Gründe, an der Wahrhaftigkeit des später so genannten Messer Milione und seiner "Beschreibung der Welt" zu zweifeln. Aber unwiderlegliche Beweise dafür, daß der Venezianer nicht in China war, kann auch Frances Wood nicht vorlegen.

Dem durch ihre anschauliche Darstellung und klare Sprache gefesselten Leser dienen die Argumente Pro und Contra als roter Faden, um die verwickelten kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Europa, dem Mittleren Osten und China aufzudröseln. So erstaunt die Dichte der Ost-West-Beziehungen zur damaligen Zeit. Auch wenn, wie Wood rekonstruiert, der Venezianer seine Kenntnisse über Peking vermutlich eher aus den Berichten iranischer und irakischer Kaufleute als durch persönliche Anschauung hatte, so bestechen sie doch in vielem durch Genauigkeit und Anschaulichkeit: Der Bambusvorhang war im Mittelalter durchlässiger als in späteren Jahrhunderten.

Als Informationsmittler dienten Händler, die die zwischen dem Mongolenreich und Europa liegenden Teile der Seidenstraße als Handelsweg betrieben. Sie taten das gewissermaßen stückweise: Jeder Händler transportierte Seide, Gewürze und Nachrichten von einem zum anderen Handelsposten, nicht über die ganze gewaltige Strecke. So nimmt Wood auch an, daß Marco Polo möglicherweise nicht weiter gekommen ist als in die Region östlich des Schwarzen Meeres, wo seine Familie Handelsniederlassungen besaß.

Vieles spricht gegen Marco Polos Anwesenheit in China. Daß jemand, der vorgab, jahrelang Gouverneur einer chinesischen Stadt und weitere Jahre diplomatischer Gesandter des mongolischen Kaisers gewesen zu sein, in China weder über das Teetrinken noch über die Sitte der verschnürten Füße oder über die eigentümlichen Schriftzeichen gestolpert sein soll, mutet wirklich bedenklich an. Und warum hat Marco Polo die doch recht auffällige Große Mauer nicht beschrieben?

Auch hätte Polo irgendwo in den mit bürokratischer Sorgfalt geführten chinesischen Chroniken erwähnt sein müssen, wenn er sich länger dort aufgehalten hätte. Sprachvergleiche stützen die Hypothese Woods, Marco Polo habe seinen Bericht aus persischen Quellen kompiliert.