Wie bitte? Gerade hat sie gesagt, sie habe wirklich nicht das Gefühl, eine Berühmtheit zu sein. Das ist präzises Understatement, Miuccia Pradas Domäne. Wo doch jeder weiß, was Modesache ist: Die Kundschaft rafft Prada-Artikel nur so an sich, allen voran unsere Schwestern aus dem Land des Lächelns. Während der Schauen in Mailand stürmen sie die Prada-Läden, bedienen heißlaufende Taschenrechner und dann sich selbst. Es muß etwas von Prada sein!

Dafür warten sie ergeben mit einer Nummer in der Hand, bis jemand vom Verkaufspersonal sich herabläßt, sie zu bemerken. Der Befund der Zeitgeist-Diagnostiker: Pradamania.

Gerade erst konnte die Chefin, die mit ihren Ideen für dieses Phänomen der neunziger Jahre verantwortlich zeichnet, in ihrem Mailänder Showroom einen Fan sehen, der kompromißlos als Prada-Tasche gekommen war: von Kopf bis Fuß in schwarzes Nylon gefaßt. Hat sie das gewollt? Miuccia Prada - kariertes Chiffonkleid in Rost- und Ockertönen, einen braunen Sweater über die Schultern geworfen, an den Ohren viktorianische Jet-Gehänge - blickt auf ihre kurzgehaltenen Fingernägel und murmelt milde: "Was könnte ich diesem Mann vorwerfen?

Vielleicht hat nicht jeder die Möglichkeit, Kultur und Persönlichkeit zu entwickeln."

Die hatte sie. Die Familie, ehemaliger Hoflieferant, schafft seit 1913 in der Luxusbranche, Abteilung Leder. Der Firmenpatriarch Mario Prada, Miuccias Großvater, war über alle Maßen anspruchsvoll, wenn es um die Ware ging. Pradas schwergewichtige Taschen und Koffer wurden handgefertigt und enthielten schmucke Artikel aus Schildpatt, Gold und Elfenbein - was man eben damals so brauchte für die standesgemäße Toilette. Selbstverständlich verfügte die Klientel über Bedienstete, die ihnen die Gepäckstücke hinterhertrugen.

Diese Lebensweise ging mit dem Zweiten Weltkrieg dahin, und aus war es mit der Opulenz. "Fratelli Prada", Tradition und Handwerk tapfer hochhaltend, lief eher schleppend und blies Trübsal. Bis Miuccia kam, 1978, da war sie gerade 28 Jahre alt. Mit ihr kam wieder Leben in die Bude.

Zuerst einmal wurde die Kultur-Tasche des Großvaters durch die Kult-Tasche der Enkelin ersetzt. Dafür nahm Miuccia Prada federleichtes schwarzes Nylon aus einer Fabrik für Militärbedarf - Mario hätte sich im Grabe umgedreht. Dann kamen die Schuhe. 1988 folgte die erste Prêt-a-porter-Kollektion, seit 1994 kleidet Prada auch den Herrn. Vor drei Jahren wurde Miuccia Prada mit dem amerikanischen Mode-Oscar geehrt. Prada, heftig kopiert, boomt. Der Umsatz in diesem Jahr: 760 Millionen Dollar.