Freitag, später Nachmittag in Bonn. Die letzten Abgeordneten verlassen das Plenargebäude. In der Bundestagskantine wird reiner Tisch gemacht. Der Parkplatz vor dem WDR-Studiogebäude steht fast leer.

Am Rand ist, etwas vereinsamt, ein weißer Mercedes-Transporter aus Mainz abgestellt: der mobile Schnittplatz von Edeltraud Remmel, die recht beengt, aber auf Hochtouren an einem Beitrag für den "Bericht aus Bonn" arbeitet. Ihre Dreiminutenanalyse soll die gewichtige Frage beantworten, was die neunzigseitige Erklärung der evangelischen und katholischen Bischöfe "für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" bewirken kann.

Wenig Platz, wenig Zeit, weite Wege - für die zwölf festen und vier freien Redakteurinnen und Redakteure und die etwa fünfzig technischen Mitarbeiter im Studio Bonn ist das Alltag. Vierhundert Meter vom Redaktionsgebäude entfernt, hinter der altgrün-beige gestrichenen Fassade eines kleinen verwinkelten Hauses mit engen verwinkelten Gängen, sind die regulären Schnittplätze eingerichtet. Kurz vor der Sendung, wenn es um Minuten und Sekunden geht, flitzen Studenten mit den Bändern hin und her.

Auch dort steht heute auf dem Hinterhof ein Kleintransporter mit mobiler Technik: Die Kapazitäten des Studios reichen an einem Tag wie diesem morgens und abends nicht. Ein gutes Dutzend aktueller Termine standen auf der Tagesvorschau. Über hundert Beiträge im Monat produziert das Team: "Morgen-", "Mittags-", "Nachtmagazin", "Tagesschau" und "Tagesthemen" wollen mit Informationen, Berichten, Nachrichtenfilmen, Kommentaren und Interviews beliefert werden - und eben der "Bericht aus Bonn", 1963 erstmals ausgestrahlt, ein Dinosaurier des deutschen Fernsehens, mit erstaunlicher Anpassungsund Überlebensfähigkeit.

Markus Schmidt hat heute Glück gehabt: Er kann sein Material, mit dem er am Morgen aus Gorleben zurückgekehrt ist, auf einem Tisch im Schneideraum ausbreiten. Schmidt hat Bergleute begleitet und interviewt, die den Erkundungsstollen vorantreiben, in dem vielleicht einmal das atomare Endlager untergebracht werden soll, und er war mit dem BGS auf Streife, mit dem Bundes-Castor-Schutz, wie sich die uniformierten Einheiten in einem Anflug verzweifelter Selbstironie gelegentlich nennen. Schmidt, der seit fünf Jahren in Bonn sitzt und oft über Bündnis 90/Die Grünen berichtet, zieht es öfter raus aus der Bannmeile: "Was die Demonstranten denken und machen, wird überall gezeigt, ich wollte wissen, wie es auf der anderen Seite aussieht."

Büroleiter Martin Schulze unterstützt den Drang nach "draußen". Er will zeigen, wie sich Politik und Gesellschaft wechselseitig beeinflussen. Bonn ist für ihn das Zentrum der Berichterstattung, aber nicht der Nabel der Welt. Deswegen hat "Bericht aus Bonn" unter seiner Leitung aus Berlin und aus Leipzig gesendet, er hat den Soziologen Ulrich Beck als Interviewpartner geladen und sein Studio ins "Haus der Geschichte" verlegt, um von dort aus mit dem Philosophen und Physiker Hans Peter Dürr als Gast eine Sondersendung mit dem Thema "Zukunft" zu moderieren.