Kaum haben die Schweizer Großbanken auf die Vorwürfe jüdischer Holocaust-Hinterbliebener reagiert und zur Wiedergutmachung alter Ansprüche einen Fonds gegründet, da erreichen auch Italiens größte Versicherungsgruppe, die Assicurazioni Generali in Triest, die Schatten der Vergangenheit. Bei Generali geht es um Ansprüche aus Lebensversicherungen, welche die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung vor allem bei den damaligen Generali-Tochtergesellschaften besaßen.

Die Generali war traditionell besonders im Ostgeschäft stark. Sie unterhielt in den dortigen Ländern fast überall eigene Filialen. In Osteuropa fielen der Judenverfolgung die meisten Menschen zum Opfer. Und viele waren bei der Gruppe Generali versichert.

Fast niemand der Überlebenden oder Hinterbliebenen konnte freilich nach dem Krieg Ansprüche aus den Versicherungspolicen stellen. Denn die neuen kommunistischen Regimes in diesen Ländern verstaatlichten die Versicherungsgesellschaften und beschlagnahmten deren Fonds. Solange der Eiserne Vorhang bestand, gelang es niemandem, einen Blick in die Archive zu tun. Diese Unterlagen wurden fast vergessen. Heute gibt es zwar noch einige Nachfolgegesellschaften, die aber mit den alten Generali-Gesellschaften rechtlich nichts mehr zu tun haben.

"Das ist der Grund, weshalb die Angehörigen der Opfer kein Recht auf Entschädigung haben", erklärt Bruno Portaleone, Generali-Repräsentant in Israel. Nach Berichten der israelischen Presse sollen nun in einem verstaubten Depot des Triester Hafens Kisten mit Dokumenten von Naziopfern gefunden worden sein. "Für uns handelt es sich um Dokumente von ungeheuerem Wert", erklärt Iris Rosenberg, Sprecherin des berühmten Holocaust-Museums Jad Vaschem in Jerusalem. Frau Rosenberg schätzt, daß es dabei um 200 000 Lebensversicherungen geht, von denen möglicherweise sechzig Prozent zu Juden gehören, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. "Wir haben die Generali gebeten, uns Zugang zu den Daten zu gewähren, damit wir diese Namen in unser historisches Archiv aufnehmen können - und die Versicherungsgesellschaft hat uns grundsätzlich ihre Zustimmung gegeben."

Zustimmung dazu, das heißt noch nicht Entschädigung. Genau dies fordert jedoch die israelische Anwältin Elisheva Anspacher für fünfzehn von ihr vertretene Familien. Bisher hatte die Gesellschaft Einzelforderungen der Anwältin abgewiesen. Elisheva Anspacher hat den italienischen Versicherungskonzern jetzt an einer heiklen Stelle gepackt. Israels Regierung, so fordert sie, solle den Vertrag zum Verkauf der Kapitalmehrheit der Versicherungsgruppe Migdal an die Assicurazioni Generali nicht eher genehmigen, bis eine Einigung über die Holocaust-Policen zustande gekommen ist. Die Migdal ist mit fünf Gesellschaften und mehr als einer Milliarde Dollar Prämieneinnahmen pro Jahr Israels zweitgrößte Versicherungsgruppe. Die Mehrheit des Kapitals gehört indirekt der Bank Leumi. Und diese wiederum kontrolliert der Staat Israel. An der Migdal ist Generali schon seit längerem mit 27 Prozent beteiligt. Und seit mehr als einem halben Jahr liegt ein Vorvertrag auf Eis, nach dem die Generali für 230 Millionen Dollar indirekt in den Besitz der Mehrheit kommen soll. Leumi muß die Versicherungsbeteiligung nach einem neueren Gesetz in Israel verkaufen, das die Verflechtung von Banken und Versicherungsgruppen verbietet.

Im Triester Hauptquartier der Assicurazioni Generali mag sich zu dem brisanten Thema niemand äußern. Der ehrwürdige Versicherungskonzern, in Europa und auch in Italien größter Konkurrent der Allianz-Gruppe, hat mit Antoine Bernheim einen Präsidenten, der zu den führenden Köpfen des europäischen Geldadels jüdischer Herkunft gehört. Im Beratungsgremium der Generali, das tatsächlich "Generalrat" heißt, sind so illustre Namen vertreten wie Elie de Rothschild aus Paris. Auch die Turiner Familie Debenedetti gehört zu den einigen hundert jüdischen Familien, die ansehnliche Aktienpakete halten. Schließlich wurde die Generali 1831 in Triest mit jüdischem Kapital gegründet. Trotz Kriegswirren und Verfolgungen blieb ein großer Teil des Besitzes intakt. Vor diesem Hintergrund müßte ein Kompromiß mit den begründbaren Ansprüchen der Opfer zu finden sein, meinen Beobachter.