Marie Darrieussecq weiß, was sie dem Ende des Jahrtausends schuldig ist - eine anständige, sprich: unanständige apokalyptische Vision.

In ihrem Roman "Schweinerei", einer animalischen Satire auf gewisse Männerphantasien, verschafft die 1969 geborene Debütantin und Bestsellerautorin ihrer arbeitslosen Heldin einen Job als Masseuse mit speziellen Fingerfertigkeiten. Nach und nach wachsen dem Fräulein, bedingt durch ihre schweißtreibende Berufsausübung, ein Rüssel im Gesicht, ein paar Zitzen auf der Brust, ein Schwänzchen am Po. Aus der Dame wird ein Schwein. Als solches erlebt die Heldin allerhand aufrührende Abenteuer mit viel Euro, Sex, Rassismus, Handy und Internet, um am Ende bei einem Wildschwein im tiefen Wald ein stilles Glück zu finden.

"Schweinerei" ist ein stubenreines Produkt aus dem buntsortierten Selbstbedienungsladen für den gutgelaunten Leser. Das Verfallsdatum dieser Zeitgeistsottisen ist zwar abgelaufen. Billig zu haben sind Marie Darrieussecqs satirische Futtertüten aber allemal, ganz gleich, was in ihnen steckt: Lutschtabletten gegen unersättliche Männergier, Vitamine gegen die um sich greifende Arbeitslosigkeit, Abführmittel gegen den europäischen Bazillus, Bonbons gegen Rassismus, Konfekt gegen kommunikativen Terror, Pulver gegen die omnipräsente Freizeitindustrie oder Tabletten gegen die Neue Rechte. Alles eine Kamelle.

Allein, der Roman ist weder lustig noch provokativ, weder Hölle noch Karneval. Zu lachen gibt es nichts. Nur die Tierfreunde unter französischen und deutschen Literaturkritikern haben an der "Schweinerei" ihre helle Freude. Sie vergleichen dieses Musterbeispiel literarischer Konfektionsware im Ringelreigen mit Circe, Homer, Ovid, Ionesco oder Kafka, nur weil bei denen Käfer, Nashörner, Eulen oder eben Schweine vorkommen. Die FAZ stellt das tierische Geplapper allen Ernstes in die Tradition des Angestelltenromans. Gewiß, auch wir waren beruhigt, als das Schweinsfräulein eine Anstellung im Kosmetik- respektive Massagesalon erhalten hat. Des Fräuleins Sprache jedoch mit dem "naiven, etwas lakonischen Tonfall" von Denis Diderots "Nonne" zu vergleichen geht dann aber entschieden zu weit. So verschmockt wie dieses Zeitgeist-Schwein spricht keine Nonne der Weltliteratur: "In den Baumwipfeln hörte ich die Spatzen in ihrem frühen Schlaf mit den Federn rascheln, ihre Lider bei den letzten Reflexen des Wachseins seidenweich schlagen, und ihre Träume glitten mit den verglimmenden Sonnenstrahlen über meine Haut."

P. S. In Frankreich wurden von der "Schweinerei" fast 200 000 Exemplare verkauft.

Marie Darrieussecq: Schweinerei. Roman; aus dem Französischen von Frank Heibert; Hanser Verlag, München 1997; 160 S., 34,- DM