Der erste Schreck ist vorbei, die größten Aufregungen sind abgeklungen, allmählich kommt man dazu, etwas ruhiger über die Alan-Sokalbeziehungsweise Social Text-Affäre zu reden und nach den Lehren zu fragen, die man aus ihr ziehen kann. Schon ob man die Affäre nach dem Physiker der New York University, der sie mit einem gefälschten Artikel ausgelöst hat, oder nach der Zeitschrift, die diesen Artikel Mitte letzten Jahres in einem Themenheft über "Science Wars" publiziert hat, benennen soll, ist mittlerweile gar nicht mehr so deutlich. Liegt der Skandal in der Unkenntnis moderner Erkenntnistheorien, die sich bei Sokal offenbart? Oder liegt er darin, daß eine Zeitschrift Argumentationen abdruckt, die ihr mehr oder minder in ihr Programm zu passen scheinen, ohne die Qualität der Argumente zu prüfen?

In den zahlreichen Erklärungen und Rechtfertigungen, die jetzt von beiden Seiten an verschiedenen Stellen publiziert werden (und die alle im Internet abzurufen sind, zum Beispiel über Sokals Homepage , zeigt man sich einsichtig und lernfähig, aber auch unversöhnt, so daß der wichtigste Effekt der Affäre möglicherweise darin liegt, die unterschiedlichen "Kulturen" der Naturwissenschaften und der Sozialwissenschaften wieder einmal miteinander ins Gespräch bringen. Wozu das führt, kann man jetzt schon absehen, nämlich schlimmstenfalls zur Bestätigung vielfach bewährter Vorurteile über wechselseitiges Unverständnis und bestenfalls zum jeweiligen Rückzug auf die eigenen Problemstellungen, um sie präziser und anschlußfähiger zu formulieren als bislang.

Wir haben es mit einem Selbstverständigungsprozeß der Wissenschaft zu tun. Dabei geht es um (mindestens) zwei Fragen, die man zunächst einmal trennen muß, um den Schreck zu verstehen und die Aufregungen nachzuvollziehen. Zum einen geht es darum, wie die Wissenschaft als Waffe der Moderne sinnvoll einzusetzen ist. Und zum anderen steht in Frage, mit welchen Erkenntnistheorien die Entwicklung der Wissenschaft sinnvoll zu verstehen und zu begleiten ist. Natürlich haben beide Fragen etwas miteinander zu tun. Aber was sie miteinander zu tun haben, ist nicht so leicht einzusehen.

Zum Verständnis der ersten Frage nach der Wissenschaft als Waffe der Moderne ist es wichtig, daß Sokal seinen Text nach eigener Darstellung nicht geschrieben hat, um die naturwissenschaftliche Haltlosigkeit humanwissenschaftlicher Vorlieben zu denunzieren. Worum sich Ethnologen, Psychoanalytiker, Philosophen und Anglisten streiten, hat einen Physiker oder Chemiker noch nie interessiert, wenn er es überhaupt zur Kenntnis genommen hat. Ausnahmen bestätigen die Regel. Nein, Sokal hatte sich vor allem darüber geärgert, daß poststrukturalistische, dekonstruktive und sozialkonstruktive Wissenschaftsauffassungen das Projekt der Linken gefährden. Denn sobald man beginnt, objektive Wahrheiten, logische Argumentationen und natürliche Fakten in Zweifel zu ziehen, gibt es nichts mehr, worauf sich Minoritäten in ihrem Kampf gegen gesellschaftliche Unterdrückung berufen können. Sie könnten sich, so wohl die Befürchtung, nur noch auf ihren Kampf berufen, aber nicht mehr auf eine moderne Gesellschaft, die bestimmte universelle Normen der Wahrheit und Gerechtigkeit pflegt, an denen diese Gruppen teilzunehmen versuchen wie alle anderen auch.

Die Wissenschaft, die hier auf dem Spiel steht, ist eine Wissenschaft, die Integrationsleistungen der modernen Gesellschaft zu bewältigen hat. Man kann sich fragen, ob sie damit nicht überfordert ist. Man kann sich aber auch fragen, ob dies nicht eine durchaus zutreffende Beschreibung gesellschaftlicher Erwartungen, aber auch Forderungen an die Wissenschaft ist. Wie fängt man diese Erwartungen und Forderungen auf, wenn man darauf hinweisen muß, daß die moderne Wissenschaft sich auf ein äußerst riskantes Unterfangen der Steigerung von Ungewißheit eingelassen hat, aber nichts mehr mit der Produktion ewiger Wahrheiten zu tun hat?

Man sieht schon jetzt, daß sich die zweite Frage von der ersten nicht wirklich trennen läßt. Immerhin muß man sie zunächst einmal getrennt behandeln, um zu sehen, worum es geht. Seit mehr als hundert Jahren, ausgelöst durch die Erfahrung gesellschaftlicher Eigendynamik seit der Französischen Revolution und der Industrialisierung, ausgelöst durch Entwicklungen der Physik (Thermodynamik, Relativitätstheorie, Quantenmechanik), der Biologie (Evolutionstheorie, Neurophysiologie), der Logik (Unvollständigkeit, Mehrwertigkeit, Selbstreferenz) und der Philosophie (Bewußtseins- und Sprachphilosophie), erfährt die Wissenschaft eine tiefgreifende Umgestaltung ihrer erkenntnistheoretischen Grundlagen und, auf der Basis neuer Grundlagen, eine überraschende Vielfalt neuer Problemwahrnehmungen.