Leichenbestatter ist ein guter Beruf, glaubt Vic Tucker. Es ist eine Ehre, ihn auszuüben. Man sieht die Menschen, wenn sie am schwächsten sind und am stärksten. Man sieht sie, wenn sie nicht anders können, als sich ernst zu nehmen.

Was passiert, wenn Engländer, die notorischen Zyniker und Spötter, sich ernst nehmen?

Nach den ersten Seiten beschlichen mich üble Befürchtungen. Graham Swifts "Letzte Runde" gewann letztes Jahr den Booker-Preis. Was in den letzten Jahren so alles mit dieser hohen Ehrung bedacht wurde! 1993: Roddy Doyles total ereignislose, Dubliner Kindheitserinnerungen, "Paddy Clarke Ha Ha Ha". 1994: "How late it was, how late", James Kelmans 374 Seiten Glasgower Variationen auf das Wort fuck. Nach fünfzig Seiten las man nur noch weiter, weil man in der Kindheit gelernt hat: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen.

Ähnlich banal fängt die "Letzte Runde" an. Der Versicherungsagent Ray Johnson, der eigentlich hätte Jockey werden wollen und dem seine Frau und seine Tochter davongelaufen sind, wartet in seiner Stammkneipe auf seine Kumpel Vic Tucker, Lenny Tate und Vince "Big Boy" Dodds. Lindenstraße mit innerem Monolog. Aber bald beginnt es zu rumoren.

Vic, der Bestattungsunternehmer, bringt den fünften im Bunde, den Metzgermeister Jack Dodd, in einem Plastikbehälter in die Kneipe. Ray Johnson hatte eine Urne aus Eichenholz mit Messingbeschlägen erwartet. Aber Vic hat einen braunen Pappkarton unterm Arm, der "wie ein Paket Badezimmerkacheln vom Baumarkt" aussieht. Darin steckt der Behälter. Er sieht aus wie ein großes Nescafé-Glas. Auf dem Deckel ist ein Etikett mit Datum, Nummer und Namen befestigt.

Der Metzgermeister hatte sich ausbedungen, daß seine eingeäscherten Überreste vom Pier in Margate ins Meer gestreut würden. Erzwungen durch den Grabstellenmangel in London, hat sich das Aschestreuen zu einem neuenglischen Ritus entwickelt. Die Geschichte von der letzten Fahrt der Überreste des Jack Dodd entpuppt sich als ein schrullig tiefgründiger und wundervoll pessimistischer Roman. Nach fünfzig Seiten konnte ich ihn kaum zur Seite legen. Am Ende war ich entzückt.