In dem kleinen Küstenstädtchen Tokaimura nördlich von Tokio steht ein eisernes Schild vor dem Rathaus. Es trägt die Aufschrift: "Alle Atomwaffen vernichten und die friedliche Nutzung der Atomenergie fördern". Die Formel kennt in Japan jeder. Sie benennt den Atomkonsens des Landes, und der ist nun in Gefahr.

Am Dienstag vergangener Woche war es soweit. Standort Tokaimura: In Japans einziger Wiederaufarbeitungsanlage für nukleare Brennstoffe kam es zum bisher schwersten Atomunfall im Land. Ursache war ein Brand in der Verfestigungsanlage für radioaktive Flüssigabfälle, der um 10 Uhr morgens entdeckt wurde und nach unzureichenden Löscharbeiten am Abend die gesamte Anlage explodieren ließ. "Das, was die Atomindustrie für niemals möglich hielt, ist passiert", stellte der Atombefürworter und führende Atomingenieur des Landes, Professor Atsuyuki Suzuki, einen Tag später fest.

Obwohl augenscheinlich niemand verletzt wurde, hat das Unglück verheerende Folgen: zusammengeknickte Stahltüren, verwüstete Kontrollsäle und zerborstene Fenster über vier Etagen mindestens 37 Arbeiter sind verseucht, ungemessene Mengen Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt und die Anlagen von Tokaimura auf Jahre außer Betrieb gesetzt. Die Regierung, sonst eher stillschweigend, ließ diesmal keinen Zweifel an der Bedeutung des Ereignisses: "Wir haben über vierzig Jahre lang zuviel Vertrauen in die Atomindustrie gesetzt", erklärte Kabinettschef Seiroku Kajiyama, der derzeit einflußreichste Politiker des Landes, einer erschrockenen Bevölkerung.

Der Schock ist so groß, weil er zum Blick zurück zwingt: Von den "37 Hibakushas" sprechen die Medien, als wären es die sieben Samurai, die sich für die Gemeinschaft opferten. Hibakusha steht in Japan synonym für Atombombenopfer und damit für unendliches Leid. Wer also - wie alle Zeitungen des Landes - seit dem Unfall in Tokaimura vom Schicksal der neuen Hibakushas redet, tut damit genau das, was Atomindustrielle meiden wie der Teufel das Weihwasser: Er baut eine Gedankenbrücke zwischen Atomkraft und Atombombe. Hat sich dieser Bezug erst einmal in den Köpfen festgesetzt, so weiß jeder Politiker in Tokio, löst sich der japanische Atomkonsens auf.

Vermutlich ist es für die Rückkehr zur Harmonie schon zu spät.

Fehler der Sicherheitsingenieure und Lügen der Pressesprecher haben sich eine Woche nach dem Unfall angehäuft. Der erste radioaktive Alarm um 10.08 Uhr wurde der Regierung mit fünf Stunden Verspätung gemeldet. Niemand unterrichtete ordnungsgemäß die Feuerwehr. Arbeiter evakuierte man viel zu spät, Besucher und Studenten gelangten bis auf hundert Meter an die Unfallstelle heran, als Radioaktivität bereits aus der Anlage entwichen war. Videofilme von der Explosion wurden unterschlagen.

"Wir haben Angst, obwohl von unserer Klasse die Hälfte der Väter für den Atombetrieb arbeitet. Doch die Informationen kommen eine nach der anderen, als wenn sie immer noch etwas verstecken", beobachtete der Mittelschüler Noriyuki Miyo in Tokaimura am Tag nach dem Unfall.

Der Vierzehnjährige behielt recht: Erst drei Tage später meldeten die Behörden, daß erhöhte Mengen des Alpha-Strahlers Plutonium, der in der menschlichen Lunge schon bei kleinsten Mengen zu tödlichem Krebs führen kann, durch die Explosion freigesetzt wurden. Sechs Tage dauerte es, bis die Verantwortlichen den Vorfall nach Stufe drei der internationalen Atomunfallskala qualifizierten. Unter diese Kategorie fallen Unfälle, die zur starken Verseuchung innerhalb der Anlage und schwachen Kontaminierung der Umgebung führen. Im Vergleich zur Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, bei der die Höchststufe sieben erreicht wurde, mag das beruhigend erscheinen. Doch bei den Atomanlagen westlichen Standards muß man bis zum Jahr 1981 zurückgehen, um auf einen ähnlich schweren Unfall zu stoßen, der sich damals in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague ereignete.

Doch das ist noch nicht die ganze Wahrheit: Am Montag dieser Woche stellte das einzige regierungsunabhängige Meßinstitut in der näheren Umgebung von Tokaimura, das sechzig Kilometer entfernte meteorologische Institut der Universitätsstadt Tsukuba, drastisch erhöhte Werte des radioaktiven Gamma-Strahlers Cäsium im Regenwasser fest. "Die Angaben aus Tsukuba sind bedeutsamer als alles, was die Regierung bisher veröffentlicht hat", kommentierte daraufhin der Atomchemiker Jinzaburo Takagi. "Ausgehend von diesen Zahlen, reden wir zwar immer noch nicht von einem Tschernobyl, doch von einer sehr großen Menge Radioaktivität, die freigeworden ist. Der Unfall könnte demnach die Stufe vier erreicht haben." Zuvor hatte Takagi, der bekannteste Atomkritiker Japans, tagelang auf allen Fernsehkanälen die Veröffentlichung sämtlicher radioaktiver Strahlenmessungen in und um Tokaimura angemahnt. Mit Sicherheit sind die bisherigen Angaben unvollständig: So taucht etwa der gefährliche Beta-Strahler Strontium bisher in keiner offiziellen Statistik auf.

Plutonium, Strontium, Cäsium: In Deutschland werden da Erinnerungen an die Zeit nach Tschernobyl wach, als die hiesige Öffentlichkeit die Risiken eines Atomunfalls einschätzen lernte. In Japan nichts dergleichen: "Wenn du verseucht bist, bekommst du Leukämie und stirbst, oder dir fallen zumindest die Haare aus", schildert der vierzehnjährige Schuljunge Takano Ryo in Tokaimura seine Ängste.

Von der Leukämie-Krankheit hat er in der Geschichtsstunde über das Kriegsende erfahren. Auf diesem Aufklärungsstand befindet sich bislang die große Mehrheit der 120 Millionen Japaner.

So droht Hiroshima nun zur Falle für die japanische Atomindustrie zu werden. Jahrzehntelang freuten sich Politiker und Ingenieure in Japan über eine unkritische Bevölkerung, die dem Bau jedes neuen Atomreaktors applaudierte. Doch die Zustimmung gründete auf einen Sicherheitsmythos, der den Ereignissen nicht standhielt.

Schon müssen Reaktor-Baupläne aufgrund der Proteste in der Bevölkerung abgesagt werden. Nach dem ersten schweren Unfall der Stufe zwei im Monju vor fünfzehn Monaten und dem neuen Unfall in Tokaimura erscheint Japans nukleare Zukunft unsicherer denn je.